Jochberg – Viel haben die Politiker Ludwig Hinterseer versprochen. Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums, ja die Ministerin persönlich, versicherten dem Landwirt vom Jochberg (Kreis Berchtesgadener Land), sich kümmern zu wollen. Seit Jahren wird der Hof des Naturbauern vom Engerling geplagt. „Vor 15 Jahren begann die Plage, 2018 hatten wir dann massive Einbußen“, erzählt der 45-Jährige. Statt grüner Wiesen braune Flächen. Jahr für Jahr weniger Futter für die Tiere. „Das war vorauszusehen, doch die Politik hatte immer nur schöne Worte für uns. Gehandelt hat sie nicht.“
Anders seine Kollegen aus dem Berchtesgadener Land. Nachdem vor drei Wochen auch noch Starkregen die Situation des Hofes in extremer Hanglage zuspitzte, kam die Hilfe aus der Not. In einer spontanen Aktion spendeten 55 Biobauern aus dem Berchtesgadener Land und dem Kreis Traunstein 350 Futterballen im Wert von über 15 000 Euro an Hinterseer und Bauer Martin Kecht. Das werden die beiden ihren Kollegen nicht vergessen.
Jeden Tag um 3 Uhr in der Früh steht Hinterseer auf, versorgt das Vieh – 13 Rinder und fünf Kälber –, um danach seinem Beruf als Kraftfahrer nachzugehen. „Ich weiß noch, wie vor zwei Wochen mein Handy klingelte“, erzählt er gerührt. Am anderen Ende der Leitung: Bernhard Pointner von der Molkerei Berchtesgadener Land. Es war einer dieser Momente, in denen Hinterseer mit seinem Lastwagen übers Land fuhr, niedergeschlagen ob der blühenden Landschaften, die ihn daran denken ließen, wie trist die Lage am Hof daheim ist. „Ich war total am Boden, der Gedanke, dass wir aufgeben müssen, kam mir immer häufiger.“ Dann der Anruf – und das Versprechen des Molkerei-Vorstands: „Ich möchte euch helfen, ich werde mit den Bauern reden, damit ihr Unterstützung bekommt.“ Worte, so heilsam wie ein sanfter Regen auf dürre Wiesen. „Das hat mir dermaßen Mut gemacht. Schon wenige Tage später rollte das Heu an“, erzählt Ludwig Hinterseer.
Als die Fuhre eintraf, standen ihm, seinen Eltern und dem Onkel, die gemeinsam den kleinen Hof betreiben, die Tränen in den Augen. Die Mama hatte eine Brotzeit hergerichtet, gemeinsam saßen Spender und Unterstützte zusammen und sprachen über die Zukunft. Klar ist: Eine Aktion wie diese kann nicht zur Dauereinrichtung werden. „Es heißt immer, man wolle die bayerische Kulturlandschaft erhalten; die kleinen Betriebe, wie sie sich der Verbraucher wünscht. Doch getan wird dafür nichts“, ärgert sich Hinterseer.
Es geht ihm nicht nur um Förderungen, die nötig wären. Was ihm und seinen Kollegen das Leben außerdem schwermache, sei die aufreibende Bürokratie. „Wir Bauern haben selbst in teure Nachsaatmaschinen investiert. Die müssen erst langwierig genehmigt werden. So geht wertvolle Zeit verloren.“ Knapp 500 Meter weiter in Österreich laufe es wesentlich unbürokratischer ab.
Durch die medienwirksame Hilfsaktion habe es nun plötzlich geklappt mit den Genehmigungen. „Muss immer erst ein Unglück geschen, ehe Bewegung in die Sache kommt?“, fragt sich Hinterseer. Nachträgliche, aus Steuern finanzierte Aufbauhilfen wären nicht nötig, würde man frühzeitig reagieren. Doch: „Man denkt lieber über Raumfahrt-Tourismus nach, statt zu hinterfragen, wie man das erhalten kann, was wir auf Erden haben.“
Was Ludwig Hinterseer weitermachen lässt? Die Erinnerung an die Oma und den Opa, die vor 60 Jahren den Hof mit viel Liebe und Kraft aufgebaut haben. Sein Appell an die verantwortlichen Stellen: „Wir können nicht immer nur die Spaßgesellschaft fördern; wir müssen an das denken, was Generationen vor uns geschaffen haben.“