Dauereinsatz am Berg

von Redaktion

Der Bergsport boomt. Damit steigt auch die Zahl der Einsätze der Bergwacht. Der Anteil der Alpenvereinsmitglieder unter den Bergtoten sinkt, doch insgesamt gibt es Jahr für Jahr bis zu 100 Tote in den bayerischen Alpen. Und immer mehr, die per E-Bike unterwegs sind.

VON BARBARA WIMMER

München – In die Berge gehen: Was noch vor zehn, 15 Jahren als spießiges Hobby der älteren Generation verpönt war, ist inzwischen bei allen Generationen beliebt. Es gehört zum Lifestyle. Immer mehr Zeitgenossen zieht es in die Alpen, und sie trauen sich einiges zu auf den Pfaden und abseits davon.

Parallel steigt die Zahl der Hilferufe aus den Felsen und Schluchten: Die Bergwacht Bayern ist im Dauereinsatz. Nicht immer kann sie retten; allein vergangene Woche mussten drei Tote geborgen werden. Und trotzdem konnte der Deutsche Alpenverein (DAV) gestern vermelden: Bei den DAV-Bergunfalltoten wurde 2018 ein historischer Tiefstand registriert. Das ist kein Widerspruch. Seit etwa zehn Jahren liegt die Zahl der Personen, die in den bayerischen Alpen beim Wandern und Bergsteigen sterben, relativ stabil zwischen 80 und 100. „Trotz des jährlich zwei- bis dreiprozentigen Besucherzuwachses in den Bergen“, wie Thomas Griesbeck, stellvertretender Geschäftsführer der Bergwacht Bayern, betont.

Während sich die Einsatzzahlen der Bergretter im Winter aber nicht erhöht haben, sind sie beim Wandern und Bergsteigen im Sommer stramm nach oben geklettert. Von 2006 bis 2018 haben sie sich von rund 1580 auf 3070 fast verdoppelt. In der Statistik des Alpenvereins sind 348 in Not geratene Vereinsmitglieder vermerkt, 16 von ihnen starben bei Touren im Hochgebirge. Knapp jeder zweite ist abgestürzt, vor allem beim Abstieg. Etwa ein Viertel hatte gesundheitliche Probleme wie Kreislaufversagen oder ein Allergieschock.

Enorm gehäuft haben sich die Radlerunfälle in höheren Regionen: Wurde die Bergwacht 2006 noch 160 Mal zu Radlnotfällen gerufen, waren es 2018 rund 590 – ein Plus von fast 270 Prozent. Zwei von drei verunglückten Radlern in den Bergen seien mittlerweile mit E-Bikes unterwegs, schätzt Thomas Griesbeck. „Gerade die E-Bikes eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, was Länge, Steilheit und Schwierigkeitsgrad betrifft.“

Ein Beispiel für unverbesserlichen Leichtsinn in den Felsen lieferte vor wenigen Tagen ein 23-jähriger Unterfranke: Er wollte trotz schlechter Wetterprognose in die Zugspitze aufsteigen, verirrte sich auf dem Höllentalferner und rief die Bergwacht Grainau zu Hilfe. Per Telefon versuchte Einsatzleiter Christoph Vogg, den Mann angesichts des sich nahenden Gewitters vom Abstieg zu überzeugen. Ohne Erfolg. Beim zweiten Notruf, eine Stunde später, klagte der Kletterer über Herzrasen, er hatte panische Angst: Im Unwetter hatte er einen elektrischen Schlag über das Stahlseil erhalten. Zehn Bergretter und der ADAC-Hubschrauber waren Stunden im Einsatz.

Immer wieder erscheint der Begriff „Blockierung“: Er beschreibt Situationen, in denen Menschen am Berg festhängen und gerettet werden müssen, weil sie sich überschätzt haben. Der DAV verzeichnet bei seinen Mitgliedern hier einen Rückgang, immerhin. 1600 Mal rücken Helikopter pro Jahr in die Berge aus, sagt Griesbeck. Bayern habe ein gutes Netz von Hubschraubern, die mit einer Winde ausgestattet sind. Bezahlt werden die Einsätze bei gesundheitlichen Problemen von den Krankenkassen. Bei „Blockaden“ zahlen die Geretteten selbst. Es sei denn, sie sind Alpenvereins-Mitglieder, dann springt die DAV-Versicherung ein.

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