Ein kleines Dorf im Football-Fieber

von Redaktion

Kirchdorf am Inn – Es ist ein wichtiges Spiel für die Wildcats. Ein Heimspiel in Kirchdorf. Es ist ein heißer Samstag im Sommer. Auf der Anzeigentafel steht 19 zu 18. Die Wildcats Kirchdorf liegen in Führung, die Munich Cowboys hinten. Nur noch 36 Sekunden Spielzeit. Die Münchner sind in der Offensive. Es ist der letzte Versuch für sie, um den Ball in die Endzone der Wildcats zu bringen. Oder ihn durch die Torstangen der Kirchdorfer zu kicken. Schaffen sie es nicht, haben die Niederbayern so gut wie gewonnen.

Die Spieler schreien, Trommler heizen die 1100 Fans an, die Luft brennt. Die Münchner mit den gelben Trikots werfen den Ball nach hinten, die Nummer 19 fängt ihn, hält ihn am Boden, sein Kollege schießt. Kilian Weber von den dunkelgekleideten Wildcats hechtet nach vorne in die Schussbahn und schlägt den Ball weg. Geblockt. Volltreffer! Das ist der sichere Sieg gegen die Cowboys, den Tabellenfünften. Die Niederbayern waren auf dem 6. Platz, sind nun vor den Münchnern.

Wenn die Kirchdorfer gegen die Mannschaft aus der Landeshauptstadt spielen, ist das immer was besonderes. Ein Derby: Stadt gegen Land, Oberbayern gegen Niederbayern, großer Club gegen kleinen Verein. Das unterscheidet die Niederbayern nicht nur von München, sondern auch vom Rest der Liga. Ihre Gegner heißen Frankfurt Universe, Ingolstadt Dukes oder Schwäbisch Hall Unicorns – letztere sind Tabellenerster.

Niederbayern. Landkreis Rottal-Inn. Kirchdorf. Das ist nicht gerade ein Ort, an dem man Profi-Football erwartet. Das Spielgelände in Kirchdorf liegt mitten im Grünen. Rechts steht Mais, vorne ein Weizenfeld, links ein kleiner Flugplatz. Über allem thront eine mächtige Kirche.

Christoph Simmeit, 39, steht am Rand des Platzes und lächelt verschmitzt. Er ist im Vorstand des Vereins und seit 15 Jahren dabei. „Den Verein gibt’s seit 1986“, erzählt Simmeit. Ein paar Wahnsinnige seien damals in die Vereinigten Staaten gereist und haben einen Football mitgebracht. Anfangs spielten Fußballer, Leichtathleten und Handballspieler mit. Die Zeiten sind vorbei: Über 400 Mitglieder zählt der Verein heute. Die meisten Spieler kommen aus der Umgebung. Seit vergangenem Jahr spielen sie in der German Football League. Sich da zu halten, ist nicht einfach, sagt Simmeit. Nicht nur spielerisch.

220 000 Euro Etat haben die Kirchdorfer durch Werbung, Mitgliederbeiträge und Spielevents im Jahr zur Verfügung. „Die Unicorns aus Schwäbisch Hall haben das Vierfache“, sagt Simmeit. Für größere Firmen in der Umgebung seien die Wildcats uninteressant. Hinzu kommen hohe Lizenzgebühren an die Liga. „Jeanette, wia vui zoin ma fia de Lizenz?“, schreit Simmeit rüber zur Kassenwartin, die gerade Fan-Shirts zusammenfaltet. „13 000“, ruft sie zurück. Eine Bezahlung der Mannschaft und des Vorstands sei da nicht mehr drin, sagt Simmeit. Im Gegenteil: Bisher mussten die Spieler ihre Trikots selbst kaufen und nach dem Schlusspfiff beim Aufräumen helfen. „Das ist, was die Wildcats ausmacht und warum wir so gut sind“, sagt der ehemalige Football-Spieler. Der Zusammenhalt. Der Vorstand macht den Job seit 20 Jahren, die Jugendarbeit sei großartig, die Verlässlichkeit bei den Spielern ist groß. Das fordert auch seinen Tribut. Die Erwartung, immer dabei sein zu müssen, sei schon sehr hoch.

Und dann sind da noch die Amerikaner. Hier nennt sie jeder Amis. Jede Saison spielen College-Footballer mit, die es meistens nicht in die amerikanische Profiliga geschafft haben, sagt Simmeit. Bevor sie im Mutterland der Sportart zu arbeiten beginnen, kommen sie für eine Saison nach Niederbayern. Sie kriegen eine Aufwandsentschädigung – „um über die Runden zu kommen“.

Nicht jeder amerikanische Spieler passt nach Kirchdorf. „Man kann keinen New Yorker hierherholen“, sagt Simmeit. Leute aus dem ländlichen Wisconsin würden sich in Niederbayern schon leichter tun. „Ein Ami wollte mal in Kirchdorf die U-Bahn nach München nehmen“, sagt Simmeit und grinst. Er war recht enttäuscht, dass es hier keine gibt.

Als die Dorf-Footballer im vergangenen Jahr in die 1. Liga aufstiegen, mussten sie ihre Spiele live im Internet übertragen. Nur die Bandbreite reichte nicht aus. Gemeinsam mit einem Sponsor hatten sie dann ein Sendemodul auf den Lichtmasten gebaut. So ist das halt auf dem Dorf, sagt Simmeit. „Da hält man zusammen.“ MAX WOCHINGER

Artikel 9 von 11