Geisterzug rauscht durch die Oberpfalz

von Redaktion

Ein Güterzug einer Privatfirma ist vergangene Woche ungebremst durch die Oberpfalz gerauscht. Nur weil DB-Mitarbeiter schnell reagierten, kam es zu keinem Unglück. Die Bundespolizei ermittelt.

VON DIRK WALTER

Schirnding – Das ging gerade noch mal gut: Wie ein Geisterzug rollte ein tonnenschwerer Güterzug durch die halbe Oberpfalz. Niemand konnte ihn stoppen – und nur mit viel Glück und dank der Reaktionsschnelligkeit einiger Fahrdienstleiter ist kein Unglück geschehen.

Der Geschäftsführer des Unternehmens K-Rail GmbH in Freilassing, Günther Pitterka, spricht von einer „Fehlhandlung zweier Lokführer“, die Vorschriften missachtet hätten. Ein technisches Versagen sei auszuschließen, die Loks seien noch am Donnerstag wieder freigegeben worden und auch seitdem wieder im Einsatz.

Die beiden Mitarbeiter sind indes freigestellt – die Bundespolizei ermittelt wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr. Auch die Bundesstelle für Eisenbahn-Unfalluntersuchung wurde eingeschaltet. Die Behörde entschied allerdings, dass eine formale Untersuchung nicht eingeleitet wird, so Sprecher Gerd Münnich gegenüber unserer Zeitung. Schließlich sei kein schwerer Unfall passiert. Es liege am Eisenbahn-Unternehmen selbst, „die notwendigen Vorbeugungs- und Korrekturmaßnahmen zu ergreifen“.

Der Zug war am Donnerstagnachmittag in Cheb/Eger in Tschechien gestartet, beladen mit Holz. K-Rail war für die Salzburger Eisenbahn Transportlogistik GmbH unterwegs. Ziel war Wiesau in der Oberpfalz. Zwei Diesel-Lokomotiven unterschiedlicher Bauart – ein Siemens-Euro-Runner ER 20 und eine Güterzuglok von Vossloh G 1700 – wurden vorgespannt. Beim Aneinander-Kuppeln der Loks und dem Verbinden der Bremsschläuche muss den Lokführern ein Fehler unterlaufen sein – welcher, ist Gegenstand von Ermittlungen. Auch die zwingend vorgeschriebene Bremsprobe wurde nicht durchgeführt – nach Lage der Dinge ein schweres Versäumnis. Jedenfalls ließ sich der Zug, einmal ins Rollen gekommen, auf der nach Schirnding stets abschüssigen Strecke nicht mehr stoppen. Die beiden Lokführer auf der vorderen Lokomotive fuhren die ganze Zeit mit, konnten ihren Zug aber nicht stoppen. „Wir werten das als gefährliches Ereignis“, sagt ein Bahnsprecher.

Nach Darstellung der Bahn konnte ein Unglück nur durch das reaktionsschnelle Handeln der acht Fahrdienstleiter von DB Netz entlang der Strecke verhindert werden. Sie stellten die Fahrstraße auf Grün. Das heißt, alle Signale wurden so geschaltet, dass kein entgegenkommender Zug die Strecke befahren konnte. „Die haben super reagiert“, heißt es Bahn-intern.

Tatsächlich rollte der Zug mit Tempo 100 km/h durch mehrere Bahnhöfe, unter anderem Marktredwitz und Weiden, ehe er dann auf der flachen Gegend bei Schirnding sanft ausrollte und zwischen Nabburg und Schwarzenfeld zum Stehen kam. Insgesamt war der Geisterzug etwa 94 Strecken-Kilometer unterwegs, heißt es im Online-Forum „Drehscheibe“, wo der Vorfall rege diskutiert wird. Gegen 18 Uhr konnten alle Gleissperrungen aufgehoben werden. Und die Bahn-Leute schnauften mutmaßlich tief durch.

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