Die Geschichte einer unnötigen Abschiebung

von Redaktion

Marof Khail war einer von Seehofers „69 Afghanen“, die am 4. Juli 2018 nach Kabul abgeschoben wurden. Er war damals gut integriert und kam für sein Leben in Deutschland selbst auf. Vor wenigen Tagen ist er in dieses Leben zurückgekehrt. Nicht als Flüchtling, sondern mit Arbeitsvisum.

VON KATRIN WOITSCH

Kaufbeuren – Als Marof Khail seine Chefin das letzte Mal gesprochen hatte, saß er in einem Polizeiauto auf dem Weg zum Flughafen. Es war der Morgen des 4. Juli 2018. Er stand grade im Bad, als unangekündigt die Polizei an seiner Tür klingelte, um ihn zu dem Abschiebeflugzeug zu bringen, das an diesem Tag von München Richtung Kabul startete. Am selben Tag freute sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in einer Pressekonferenz darüber, dass ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen abgeschoben werden. Davon hat Marof Khail nie erfahren. Er rief seine Chefin an, um ihr zu sagen, dass er nicht pünktlich in der Arbeit erscheinen könne. Dass er gar nicht mehr in die Arbeit kommen könne, weil er zurück muss in seine Heimat.

Diese Heimat hatte der 33-Jährige 2011 verlassen. Er ist vor dem Krieg geflohen. In Deutschland wollte er so schnell wie möglich Arbeit finden, um seine Frau und die beiden kleinen Kinder finanziell unterstützen zu können, die bei Verwandten untergekommen waren. Marofs Geschichte war die Geschichte einer perfekten Integration. Er lernte schnell Deutsch, fand eine Arbeitsstelle bei der Firma Schweißtechnik Burkhard in Kaufbeuren (Kreis Ostallgäu), er wurde Mitglied in einem Sportverein und engagierte sich ehrenamtlich für die Caritas. Er hatte Freunde. Und vor allem hatte er es geschafft, auf eigenen Beinen zu stehen. Er war auf keine staatlichen Hilfen mehr angewiesen.

Sein Asylantrag ist abgelehnt worden. Er hatte jedoch eine Aufenthaltsgestattung, die noch länger gültig gewesen wäre. Außerdem lag damals ein Härtefallantrag für ihn vor, über den noch nicht entschieden war. Trotzdem stand sein Name auf der Liste der Flüchtlinge, die in dem Flugzeug nach Kabul sitzen sollten.

Vor wenigen Tagen stand Khail seiner damaligen Chefin wieder gegenüber. Seine Kollegen umarmten ihn herzlich – keiner von ihnen hatte damit gerechnet, ihn wiederzusehen. Er ist in sein altes Leben zurückgekehrt. Nicht als Flüchtling – sondern mit Arbeitsvisum. Es war ein zäher Kampf. Und ohne Hilfe hätte er es nicht geschafft.

Ein Kreis ehrenamtlicher Helfer stand hinter ihm, blieb mit ihm in Kontakt. Sie zahlten die Miete für seine Wohnung weiter. Sie schrieben Briefe an Politiker, um auf Marofs Fall hinzuweisen – als Antwort kamen nur Standardschreiben. Also organisierten sie alle nötigen Papiere, damit er das Arbeitsvisum bekommt. „Es gab unheimlich viele Probleme, die wir lösen mussten“, erzählt Waltraud Schürmann vom Unterstützerkreis. Mit Marof Khail konnte sie nur über den Nachrichtendienst WhatsApp in Verbindung bleiben – und das auch nur, wenn er Internet hatte. Sie musste ihm etliche Unterlagen zum Unterschreiben nach Kabul schicken. Jeder Brief kostete 72 Euro – nicht alle kamen an. Voraussetzung für das Arbeitsvisum ist nicht nur eine Wohnung, sondern auch eine Ausbildungsstelle. Das war in Khails altem Betrieb nicht möglich. Also musste Waltraud Schürmann einen anderen Arbeitgeber für ihn finden. Auch das gelang ihr. Die Malermeisterin Melanie Pölt sah sich sein Arbeitszeugnis an und telefonierte einmal mit ihm – danach war sie überzeugt, dass er gut in ihren Betrieb passen würde. „Es gibt keinen Grund, ihn nicht einzustellen“, sagt sie. „Man sollte doch jedem Menschen die Chance geben, in einem friedlichen Land leben zu dürfen.“ Einige Kunden kündigten ihr deswegen an, ihr nun keine Aufträge mehr zu geben. Melanie Pölt nimmt das gelassen hin. Vor ein paar Tagen hat sie Marof das erste Mal persönlich getroffen. Sie weiß, dass sie richtig entschieden hat.

Waltraud Schürmann war einige Male kurz davor, die Hoffnung zu verlieren. Aufgeben war für sie trotzdem nie eine Option. Sie kennt Marof lange, sein Schicksal liegt ihr sehr am Herzen. Vor zwei Wochen konnte sie ihn endlich in die Arme nehmen. Ein Jahr, einen Monat und elf Tage, nachdem er von der Polizei zum Flughafen gefahren wurde, ist er dort wieder angekommen. Er lebt nun wieder in seiner Wohnung in Kaufbeuren. Am Montag beginnt seine Ausbildung. „Ich bin unheimlich dankbar und glücklich“, sagt Marof Khail. Auch Waltraud Schürmann ist glücklich – aber auch sehr nachdenklich. „Aus eigener Kraft ist es für keinen Menschen möglich, an ein Arbeitsvisum zu kommen“, sagt sie. Marofs Abschiebe-Geschichte ist nicht die einzige, die sie miterlebt hat und nicht nachvollziehen kann. Und mit jeder Geschichte, die dazukommt, hat sie mehr das Gefühl, dass oft nicht die richtigen Flüchtlinge in den Flugzeugen sitzen.

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