Rückschlag für die Integration

Zweifelhafte Abschiebepraxis

von Redaktion

KATRIN WOITSCH

Ein Flüchtling lebt seit sieben Jahren in Deutschland, hat die Sprache gelernt, Arbeit und Wohnung gefunden. Er ist nicht straffällig geworden, sondern tut alles, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Er engagiert sich ehrenamtlich, ist Mitglied in örtlichen Vereinen – und braucht keine finanzielle Unterstützung vom Staat mehr. Trotzdem wird er nach Afghanistan abgeschoben. Das ist die Geschichte von Marof Khail – vermutlich kein Einzelschicksal. Khail ist es gelungen, nach einem Jahr über ein Arbeitsvisum nach Bayern zurückzukehren. Damit wiederum dürfte er wohl eine Ausnahme bleiben. Denn von Kabul aus hätte er die nötige Voraussetzungen ohne die Hilfe seiner Freunde in Deutschland niemals organisieren können.

Marofs Geschichte ist für ihn gut ausgegangen – aber sie hinterlässt viele Fragen. Zum Beispiel, warum ein Mann erst nach Kabul geflogen werden muss, bevor er hier leben und arbeiten darf? Dass er ohne staatliche Hilfen zurecht kommt und seinen Beitrag für die Gesellschaft leistet, konnte er schließlich auch vorher schon nachweisen. Geflüchteten, die Ehrgeiz und Integrationswillen bewiesen haben, muss es leichter gemacht werden, sich hier ein Leben aufzubauen. Und wenn sie eine Ausbildung in Berufen beginnen, für die Betriebe kaum Bewerber finden, ist nicht nur ihnen geholfen – sondern auch den Unternehmen.

Dass Migranten, die straffällig werden oder als Gefährder eingeschätzt sind, ihr Recht auf diese Chance verspielt haben, ist unstrittig. Doch mit jeder Geschichte wie der von Marof Khail wächst der Eindruck, dass in den Abschiebe-Flugzeugen oft genau die Falschen sitzen. Das wäre für die riesige Aufgabe Integration, die immer noch vor Deutschland liegt, ein schwerer Rückschlag. Nicht alle Ehrenamtlichen haben die Kraft und die Mittel, so lange für ihre Schützlinge zu kämpfen. Viele geben auf – manchmal auch ihr gesamtes Engagement.

Katrin.Woitsch@ovb.net

Artikel 2 von 11