Vergangene Woche ist eine 88-Jährige bei Mühldorf in falscher Richtung auf die A 94 gefahren (wir haben berichtet). Auch die Signale der Landschaftsgärtner, die sie aufhalten wollten, nahm die Frau nicht wahr. Sie konnte aufgehalten werden, bevor ein Unfall passierte. Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, erklärt, warum das Autofahren für Menschen über 75 schwieriger wird – und was ihnen helfen könnte, ihre Fahrfähigkeit besser einzuschätzen.
Sind Senioren im Straßenverkehr eine größere Gefahr als junge Menschen?
Ja, Senioren ab 75 Jahren schon. Aber aus den absoluten Unfallzahlen wird das nicht deutlich – nach diesen Statistiken verursachen junge Fahrer mehr Unfälle als alte. Auch wenn man die Einwohnerzahl als Bezugsgröße nimmt, wird die Statistik nicht aussagekräftig. Denn viele Frauen über 75 fahren gar nicht Auto oder haben keinen Führerschein. Eine richtige Einschätzung bekommt man nur, wenn man vergleicht, wie sicher ein junger Fahrer auf 1000 Kilometern fährt und wie sicher ein Fahrer im Seniorenalter. Nach diesem Vergleich sieht man: Bei Unfällen mit Verletzten sind genauso oft Über-75-Jährige Verursacher wie 21- bis 24-Jährige. Unfälle mit Todesopfern werden häufiger von Senioren als von Fahranfängern verursacht.
Woran liegt es, dass ältere Menschen trotz viel Erfahrung auf einmal Probleme im Straßenverkehr haben?
Das Alter bringt einige Defizite mit sich. Bewegungsschwierigkeiten kann man relativ gut kompensieren. Wenn es mit dem Schulterblick schwerer wird, schaut man zum Beispiel öfter in die Spiegel. Ähnlich ist es mit gesundheitlichen Problemen. Diabetes oder hoher Blutdruck beispielsweise lassen sich mit Medikamenten kontrollieren. Die meisten von Senioren verursachten Unfälle passieren wegen kognitiver Einschränkungen.
Wie wirken sie sich aus?
Die meisten schweren Unfälle mit Senioren sind keine Geisterfahrerunfälle, sondern finden im Kreuzungsbereich statt. Denn dort wirken sich die kognitiven Defizite am stärksten aus. Ich erkläre das immer gern mit Festplatte und Arbeitsspeicher: Die Festplatte ist gefüllt mit Erfahrungswissen, aber der Arbeitsspeicher muss darauf zugreifen. Und wenn der langsamer wird, dauert es länger, die Informationen zu verarbeiten und richtige Entscheidungen zu treffen. Ein Beispiel: Beim Linksabbiegen muss man Autos, Radfahrer und Fußgänger im Blick behalten, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus verschiedenen Richtungen kommen. Das ist eine klassische Situation, mit der Senioren Schwierigkeiten haben. Zu viele Informationen, die in kurzer Zeit richtig verarbeitet werden müssen.
Sie fordern obligatorische Fahrtests für alle Senioren über 75. Wie müssten diese Tests aussehen?
Ich bin strikt gegen Tests, die zum Verlust der Fahrerlaubnis führen. Es gibt keinen Test, der eine sichere Prognose stellen kann. Dafür müsste man jemanden schon einen ganzen Tag beobachten. Das wäre sehr teuer – und damit als anlass- und verdachtsloser Test nicht zu rechtfertigen. Mein Vorschlag ist eine sogenannte Rückmeldefahrt: Der Senior setzt sich mit einem Profi ins Auto, sie fahren gemeinsam 45 Minuten durch verschiedene Verkehrssituationen. Am Ende der Fahrt bekommt der Senior eine Rückmeldung, aus der er erkennen kann, welche Fehler er gemacht hat. Vor allem bekommt er aber Hinweise. In den meisten Fällen wäre das Ergebnis nicht: Führerschein weg oder Führerschein behalten. Die Vorschläge sind differenzierter. Zum Beispiel: nicht nachts fahren oder nicht durch Gebiete, in denen man sich nicht auskennt. Das Gespräch würde unter vier Augen bleiben. Der Senior kann sich daran orientieren – oder nicht.
Also ist ein großes Problem, dass sich Senioren nicht gut selbst einschätzen können?
Genau. Sie halten sich für gut, auch wenn das nicht so ist. Angehörige können in diesen Fällen oft wenig ausrichten. Denn es ist irrsinnig schwer, dieses Thema anzusprechen. Vor allem Kinder oder Enkel werden als Ratgeber meist nicht akzeptiert. Viele Senioren sagen dann: „Ich fahre seit 50 Jahren Auto, ich brauch mir nicht sagen lassen, wie das geht.“
So jemand macht aber auch keinen freiwilligen Fahrtest…
Genau deshalb fordere ich auch verpflichtende Tests. Das Ergebnis bleibt vertraulich. Aber die Senioren müssen sich von einem Profi sagen lassen, wie sicher sie am Steuer sind.
Viele Senioren, besonders auf dem Land, können aber gar nicht aufs Auto verzichten. Wie könnte man das auffangen?
Einige Städte bieten ja bereits kostenlose ÖPNV-Tickets an, wenn Senioren ihren Führerschein freiwillig abgeben. Die Nachfrage ist aber gering. Weil der öffentliche Nahverkehr oft eben leider sehr unattraktiv ist. Gerade auf dem Land fährt der letzte Bus manchmal schon um 17 Uhr, und die Bushaltestelle ist ein gutes Stück entfernt. Dieses Problem ist nicht einfach zu lösen. Ich bin aber überzeugt, dass durch Rückmeldefahrten gar nicht so viele Senioren komplett auf das Autofahren verzichten müssten. Viele würden wohl die Rückmeldung bekommen: Fahren Sie nur noch zum Arzt, zum Supermarkt und zum Skatabend – die Strecken, die Sie gut kennen. So könnten sie lange mobil bleiben. Für die, die nicht mehr fahren sollten, müssen natürlich Lösungen gefunden werden. Viele Städte experimentieren inzwischen mit kleinen Shuttle-Bussen, die man anfordern kann. Und manchmal lohnt es sich auch auszurechnen, wie viel Kosten man sich ohne Auto spart: Wertverlust, Versicherung, Steuern und Benzin – dafür kann man ziemlich oft Taxi fahren.
Mit welchen Folgen muss die 88-Jährige rechnen, die als Geisterfahrerin auf der A 94 unterwegs war?
Der Vorfall hat Folgen – auch wenn nichts passiert ist. Sie wird vermutlich aus Verwirrtheit in diese Situation geraten sein. Es gibt auf jeden Fall viele Anzeichen dafür, dass sie die Fahraufgabe nicht mehr erfüllen kann. Das bedeutet in der Regel, dass die Polizei der Fahrerlaubnisbehörde den Fall mitteilt. Die sollte dann eine medizinisch-psychologische Untersuchung, die MPU, fordern. Wenn man einen älteren Menschen einen halben Tag lang beobachtet, wird man ein relativ genaues Urteil bekommen. Aber diese Untersuchungen kann man eben nicht ohne Grund für jeden Über-75-Jährigen anordnen. Interview: Katrin Woitsch