Der Münchner SPD-Politiker Markus Rinderspacher hat die vergangenen Tage auf der „Eleonore“ verbracht – dem Rettungsschiff der Mission Lifeline. Der Landsberger Kapitän Klaus-Peter Reisch und seine Crew hatten auf dem Mittelmeer 104 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet, durften aber tagelang in keinen Hafen einlaufen. Am Sonntag spitzte sich die Situation wegen eines Unwetters so sehr zu, dass der Kapitän den Notstand erklärte und Sizilien trotz der Blockade ansteuerte. Die „Eleonore“ hat im Hafen von Pozzallo angelegt, alle Geflüchteten werden versorgt und dann auf die EU-Staaten weiterverteilt. Rinderspacher berichtet, was er an Bord erlebt hat.
Sie waren seit Sonntag mit an Bord der Eleonore – auf Ihre Initiative hin?
Ich hatte letztes Jahr Kapitän Klaus-Peter Reisch mit dem Europapreis der Bayern-SPD ausgezeichnet. Seitdem waren wir in Kontakt. Ich hatte im Juli angemerkt, dass mein Versprechen noch offen ist, bei der nächsten Mission mitanzupacken. Und tatsächlich kam dann letzten Freitag der Anruf, ob ich nicht spontan einspringen könne im Zuge eines Crew-Wechsels. Keine 24 Stunden später saß ich im Flugzeug nach Malta.
Waren Sie nervös?
Ich war ziemlich angespannt. Schließlich bin ich kein geborener Seemann. Die drei Ärzte, die mit an Bord gingen, waren ebenfalls das erste Mal bei einer Mission dabei. Wir konnten uns gegenseitig etwas beruhigen.
Wie war die Situation an Bord, als Sie eintrafen?
Ausgesprochen angespannt. Ich möchte sogar sagen, sie war menschenunwürdig. In der Nacht auf Montag kam es dann zu einem Sturmgewitter. Die Flutwellen peitschten meterhoch über das Deck, auf dem die 104 geretteten Flüchtlinge auf engstem Raum mit angewinkelten Beinen gekauert haben. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, die Szenerie stand den Bildern aus dem Filmklassiker „Das Boot“ von Wolfgang Petersen in nichts nach. Es bestand Lebensgefahr. Alle Flüchtlinge und Crewmitglieder mussten völlig durchnässt auf engstem Raum unter Deck in Sicherheit gebracht werden – das war nichts für Klaustrophobiker. Der Kapitän war gezwungen, den Notstand auszurufen. In dieser Situation keinen Hafen anzusteuern, wäre verantwortungslos gewesen.
Hatten Sie Todesangst?
Wir haben auf engstem Raum unter Deck im Kauerzustand darauf hofft, dass das Schiff die nächste Welle aushält und alle die Nerven behalten. Das ist eine Situation, die ich noch nie erlebt habe – und nie wieder erleben möchte.
Wie war die Stimmung unter den Flüchtlingen?
Sie waren ausgesprochen diszipliniert. Als wir ihnen die Nachricht geben konnten, dass wir in Italien an Land gehen, herrschte eine unfassbare Erleichterung. Alle lagen sich mit Tränen in den Augen in den Armen und bedankten sich. Acht Tage und Nächte auf hoher See, nur 0,46 Quadratmeter Bootsfläche für jeden, im Sitzen schlafen – das ist keine Luxus-Kreuzfahrt. Auch der Crew wurde unfassbar viel abverlangt.
Was ist Ihr Eindruck? Warum wagen sich so viele Menschen auf diese gefährliche Route übers Mittelmeer?
Auf dem Boot waren Flüchtlinge aus dem Sudan, Ägypten und aus dem Tschad. Sie berichteten alle, dass sie in libyschen Konzentrationslagern gefoltert wurden. Sie zeigten uns ihre Narben, einige Bürgerkriegsbeteiligte aus dem Sudan hatten sogar Schusswunden, die noch unbehandelt waren. Ich konnte mich aus erster Hand überzeugen, dass diese Menschen aus größter Not und aus Angst, weiter gefoltert zu werden, diese gefährliche Fluchtroute antreten.
Wie lief die Kommunikation mit Italien ab?
Ich war auf der Brücke, als der Kapitän mit den italienischen Behörden Kontakt aufgenommen hat. Immer wieder hörte man mit großer Aggressivität „Negativo“, „No no“ – die italienischen Behörden wollten mit aller Kraft verhindern, dass das Schiff einläuft. Aber der Kapitän hat das einzig Richtige getan, den nächsten Hafen auf Sizilien anzusteuern. Im Zeichen der Humanität und der Sicherheit an Bord.
Hat letztendlich die Menschlichkeit gesiegt oder ist das ein Armutszeugnis für Europa?
Es ist eine humanitäre Bankrotterklärung für ein Europa, das sich Menschenrechte auf die Fahnen schreibt. Die EU darf nicht länger die Augen vor dieser humanitären Katastrophe auf dem Mittelmeer verschließen. An Bord der Eleonore habe ich Europa von seiner brutalen und unbarmherzigen Seite kennengelernt. Aber am Ende hat die Mission Lifeline 104 Menschen gerettet – das ist ein Triumph einer privat organisierten Seenotrettung über die gleichgültige Verantwortungslosigkeit staatlich verordneten Wegschauens.
Für den Kapitän könnte die Mission jedoch erneut vor Gericht enden.
Private Seenotretter zu kriminalisieren, ihre Arbeit unmöglich zu machen und damit Menschen ganz gezielt oder zumindest in Kauf nehmend dem Ertrinkungstod zu opfern – das ist aus meiner Sicht ein unfassbarer Skandal. Kapitäne wie Klaus-Peter Reisch sind verpflichtet, bei Seenot Hilfe zu leisten. Deshalb sollte es eine staatliche Seenotrettung geben – die zu organisieren wäre eine vordringliche Aufgabe der EU.
Wie wollen Sie das, was Sie an Bord erlebt haben, für Ihre politische Arbeit nutzen?
Ich werde mich weiter in diesem Bereich engagieren. Mich hat der kämpferische Zusammenhalt der Crew begeistert. Der Kapitän hat mir gesagt, ich sei herzlich eingeladen, bei der nächsten Mission die Crew wieder zu verstärken.
Und? Würden Sie das noch einmal tun?
Auf alle Fälle. Interview: Katrin Woitsch