Mittenwald – Eigentlich ist der Almabtrieb traditionell ein Tag zum Feiern. Unter lautem Glockengebimmel und festlich geschmückt kehrt das Vieh im Idealfall wohlgenährt von den Almen zurück ins Tal. Doch in Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) war am Wochenende niemandem zum Feiern zumute.
250 Schafe trieben die rund 40 Schafhalter am Samstag im Karwendelgebirge zusammen und dann zurück ins Tal. Eigentlich hätten es noch viel mehr Tiere sein sollen. Doch nach dem Hangrutsch Anfang Juli auf dem Predigtstuhl ist die Herde arg dezimiert. Seit dem Wochenende ist endgültig klar, dass bei dem Unglück 200 Schafe ums Leben kamen. Für die Mittenwalder Schafhalter bedeutete das traurige Gewissheit – nach wochenlangem Bangen, wie viele Tiere den Sturz überlebt haben. Das sonst übliche Fest zum Almabtrieb sei deshalb ausgefallen, sagte der Vorsitzende der Weidegenossenschaft Mittenwald, Peter Reindl. Trotz aller Tragik kommen die Tiere im nächsten Jahr wieder auf die Weide. Dann hoffentlich in Begleitung von vielen Lämmern aus dem Frühjahr, die die Herde wieder verstärken.
Den größten Anteil des Almviehs machen nach wie vor die Rinder aus. Davon waren auch in diesem Jahr wieder rund 22 000 auf den oberbayerischen Almgebieten. „Die Zahlen sind in etwa konstant“, sagt Hans Stöckl, Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Doch aus seiner Sicht dürften es im nächsten Jahr gerne noch ein paar mehr werden. „Durch den Klimawandel haben wir immer mehr Aufwuchs auf den Almflächen.“ Da braucht es mehr Kühe zum Grasen. Nur werden die Betriebe, die ihr Vieh auf die Alm schicken, immer weniger. „Die Kühe müssen die Weide gewohnt sein. Aber ein Betrieb mit 80 Milchkühen im modernen Laufstall treibt seine Tiere oft nicht mehr aus“, beobachtet Stöckl.
In diesem Jahr hat zudem die Witterung dafür gesorgt, dass auf einigen Almen die Tiere schon früher abgetrieben werden mussten. „Durch die Trockenphase Ende Juni und Anfang Juli waren die Böden vereinzelt so ausgetrocknet, dass nicht genug Futter nachgewachsen ist“, sagt Stöckl. „Die Gebiete mit nährstoffreichen Böden hatten kein Problem, aber dort, wo der Boden kein Wasser halten konnte, gab es zum Teil nicht genug Wachstum.“
Neu waren in diesem Jahr auch die grünen Warnschilder mit der Aufschrift „Achtung Weidetiere, bitte Abstand halten“, auf die der ein oder andere Wanderer schon gestoßen sein dürfte. Die Almbauern haben die Schilder mit Unterstützung der Tourismus-Verbände aufgestellt. Die Informationskampagne ist auch eine Reaktion auf einen tödlichen Unfall in Österreich, wo eine Wanderin, die mit ihrem Hund unterwegs war, von einer Kuh totgetrampelt wurde. In der kommenden Saison sollen noch Schilder mit Verhaltensregeln auf der Weide dazukommen. „Diese Regeln wollen wir gemeinsam mit den Umweltverbänden aufstellen. Wir hoffen, dass das über den Winter klappt“, sagt Stöckl.