München/Fulda – Heißer Herbst in der katholischen Kirche in Deutschland und auf Weltebene: Die Diskussionen um Reformen und Strukturen, über Machtverteilung, Zölibat und die Rolle der Frauen in der Institution spitzen sich zu. Sowohl bei der Herbstvollversammlung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz vom 23. bis 26. September in Fulda als auch beim geplanten „synodalen Weg“ der deutschen Bischöfe mit Vertretern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und bei der Amazonas-Synode im Vatikan Anfang Oktober werden zu diesen Themen heftige Diskussionen erwartet.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, hat sich jetzt offen für eine Einschränkung des Zölibats gezeigt. Er könne sich durchaus vorstellen, dass es sinnvoll sei, „unter bestimmten Voraussetzungen in bestimmten Regionen verheiratete Priester zuzulassen“, sagte Marx im Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Er antwortete damit auf eine Frage zur am 6. Oktober beginnenden Amazonas-Synode in Rom, an der er selbst teilnimmt. Dort wird über eine regional begrenzte Zulassung verheirateter Priester beraten. Das Vorbereitungsdokument stellt fest, „dass in vielen Gemeinden wegen des Priestermangels keine regelmäßigen Eucharistiefeiern möglich“ seien. Zudem sei es notwendig, dem indigenen Klerus „unter Berücksichtigung seiner eigenen kulturellen Identität und Werte Rückendeckung zu geben“. Eng damit verbunden ist die Frage, wie weit Ortskirchen eigene Wege gehen könnten, ohne die Einheit der Kirche infrage zu stellen. Laut Marx muss das Verhältnis von Einheit und Vielfalt in der Kirche neu austariert werden. Er plädiere für mehr Entscheidungsbefugnisse der Ortskirchen.
Auch die deutschen Bischöfe setzen sich im Zuge des Missbrauchsskandals mit dem Thema Zölibat auseinander. Missbrauch werfe Fragen nach der priesterlichen Lebensform, Machtmissbrauch, der Auswahl und Ausbildung von Priestern und der Beteiligung von Frauen auf, unterstrich Marx. Deshalb habe die Bischofskonferenz einen „synodalen Weg“ beschlossen. „Das war eine heftige Debatte, aber ein klarer Beschluss.“
Es gehe allerdings nicht um den Zölibat allein, sondern um die Zukunft der priesterlichen Lebensform. Entscheidend sei für ihn, „ob und wie der Zölibat so gelebt werden kann, dass er ein positives Zeichen ist und auch die Priester in ihrem Leben nicht beschädigt“. Es werde da „keinen deutschen Sonderweg“ geben. „Aber die Diskussion voranbringen können wir schon.“ Und: Ein Dogma ist für Marx die verpflichtende Ehelosigkeit katholischer Priester offenbar nicht. Denn er sagt: Man müsse die Vor- und Nachteile der Weihe von verheirateten Männern abwägen.
Die Kriterien für die Priesterauswahl dürften trotz niedriger Weihezahlen nicht gesenkt werden, mahnt er: „Sie müssen womöglich noch strenger werden. Wenn es um die persönliche Reife eines Kandidaten geht, dann muss ich die moralische Gewissheit haben, dass er auch mit seiner zölibatären Lebensweise zurechtkommt.“
Kaum Spielraum sieht Kardinal Marx bei der Weihe für Frauen. Papst Johannes Paul II. habe 1994 klar festgelegt, dass die Kirche keine Vollmacht dazu habe, sagte er. „Ich kann nicht erkennen, wie wir das heute theologisch beiseite legen können.“ Die Diskussion sei aber nicht zu Ende. Die Kirche sollte sich darauf konzentrieren, wie Frauen stärker mitwirken könnten – auch bei Beratungen der Bischofskonferenz und bei Bischofssynoden. Marx betont, dass das Thema „Frauen in der Kirche“ auch die Menschen in Afrika und Lateinamerika bewege. kna/cm