„Pflegekräfte sind nicht die Opfer“

von Redaktion

Dietmar Eder kennt die Probleme in der Pflege aus allen Perspektiven. Erst war er Pfleger, dann Stationsleiter und Praxisanleiter. Inzwischen ist er pflegender Angehöriger und sagt: „Heute würde ich als Pflegekraft vieles anders machen.“

VON KATRIN WOITSCH

Freilassing – Dietmar Eder war ein junger Mann, als er seine Ausbildung zum „staatlich anerkannten Altenpfleger“ abgeschlossen hat. 1984 war das – zu einer Zeit, als noch nicht überall und ständig darüber gesprochen wurde, wie viel in der Pflege falsch läuft, wie überlastet die Pflegekräfte sind. Eder arbeitete damals in einem privaten Altenheim im Münchner Umland. Er mochte seinen Beruf immer, arbeitete sich Schritt für Schritt voran: erst zum Stationsleiter, dann machte er eine Weiterbildung als Praxisanleiter. Seit sieben Jahren ist er Gesamtbetriebsratsvorsitzender eines großen Wohlfahrtsverbands und in dieser Funktion freigestellt.

Seine Mutter ist an Demenz erkrankt. Die Pflege zu Hause war nicht mehr möglich. Sie lebt in einem Heim mit dem höchsten Pflegegrad. Seit Dietmar Eder sie dort mehrmals wöchentlich besucht, hat sich seine Perspektive auf seinen Beruf verändert. „Ich habe mich oft gefragt, ob meine Arbeit als Pfleger damals so gut war, wie ich dachte“, sagt er. Es gab einen Tag, an dem ihm auffiel, dass seine Mutter völlig ausgetrocknet war, weil sie kaum getrunken hatte. Eder machte großen Ärger in dem Heim.

Doch als er an diesem Tag nach Hause ging, fielen ihm Situationen aus seiner Zeit als Pfleger wieder ein. „Es kam schon mal vor, dass mich ein Bewohner bat, ihm auf die Toilette zu helfen. Ich sagte, ich komme gleich wieder und habe es im Stress dann einfach vergessen. Dafür schäme ich mich heute“, sagt Eder.

Nicht nur über seine Arbeit denkt er durch seine demenzkranke Mutter inzwischen anders. Auch über die Zukunft der Pflege hat er sich in den vergangenen Jahren viele Gedanken gemacht. „Das System Altenpflege hinkt“, sagt er. „Sowohl auf politischer, als auch auf pflegerischer Seite.“ Weder Pflegestärkungsgesetz, noch Pflegepersonalstärkungsgesetz, Pflegeberufegesetz oder Pflege-TÜV könnten darüber hinwegtäuschen, dass „die stationäre Altenpflege eigentlich am Ende ist“. Ohne Fachkräfte aus dem Ausland wäre das System längst zusammengebrochen. „Ich sehe, dass sich die Politik Gedanken macht, wie sie die Pflege verbessern kann“, räumt der 58-Jährige aus Freilassing ein. Und er kann auch positive Ansätze erkennen, beispielsweise Verbesserungen für die Vereinbarkeit von Pflege und Familie oder der einheitliche Tarifvertrag, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) fordert. Um aber mehr Menschen für diesen Beruf zu gewinnen, müsse viel mehr passieren, betont Eder. Der erste Schritt wäre es aus seiner Sicht, die Pflegekräfte an die Runden Tische zu holen, an denen über die Zukunft der Pflege gesprochen wird. „Sie müssen aus ihrer Opferrolle kommen.“ An seine Kollegen richtet er einen klaren Appell: „Hören wir auf zu jammern. Die Zubemitleidenden sind die Bewohner.“ Eder ist überzeugt, dass die Pflegekräfte mit der richtigen Einstellung viel abfangen könnten. „Sie müssten viel mehr darüber sprechen, wie sie die Tagesabläufe so gestalten könnten, dass würdevolle Pflege möglich ist.“ Die Frage, die sie sich stellten müssten, sei: Wie würde ich selbst als Bewohner behandelt werden wollen? Eder räumt ein: „Diese Frage habe ich mir in meiner aktiven Zeit viel zu selten gestellt.“

Von der Politik fordert er, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, damit mehr junge Menschen in den Beruf einsteigen. Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten, Gehaltserhöhungen, günstige Wohnungen – Ideen gäbe es genug. Und die Pflegekräfte müssten sich seiner Meinung nach mit den Bewohnern verbünden, als geschlossene Gruppe auftreten, Probleme offen ansprechen und nicht kaschieren, sobald ein Politiker zu Besuch in einem Heim ist. „Wir brauchen einen Perspektivenwechsel“, betont er. Wie erkenntnisfördernd das sein kann, weiß er selbst ja nur zu gut.

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