Jetzt schlagt’s zwölfe! Der Spruch ist dem Maßschneider eingefallen, als es tatsächlich gerade zwölfe geschlagen hatte, und zwar nicht vom Kirchturm, sondern vom Regulator in der Kuchl. Natürlich wird’s auch vom Kirchturm zwölf Mal, richtiger gesagt sechszehn Mal, gebimmelt haben, aber wer hört das schon bei einer geschätzten Entfernung von zwei Kilometern und geschlossenem Fenster?
Jetzt schlagt’s zwölfe, das hat man früher oft gehört, meist mit zornigem Unterton, auch wenn es alles andere als zwölfe geschlagen hatte. In aller Herrgottsfrüh (etwa, wenn zehn nach sechse der Wecker gerasselt hat) ist das genauso behauptet worden wie am späten Nachmittag (etwa drei Minuten vor fünfe, wenn einem am Bahnhof wieder einmal der Zug vor der Nase davongefahren ist). Zwölfe hat’s praktisch zu jeder Minute des Tages und der Nacht schlagen können, und, wenns der Teifi grad haben wollte, natürlich auch pünktlich um zwölf oder um 24 Uhr. Da hat es dann sozusagen zweimal zwölfe gschlagn.
Wer’s wörtlich zwölfe schlagen lässt, dem reicht es, und zwar endgültig! Schon als Lausbub hat der Maßschneider mit diesem Sprücherl Bekanntschaft machen müssen. Als er einmal seine übers Knie reichende Hose kurzentschlossen mit der Schere abschnitt, weil seine Spezln hämisch behauptet hatten, man wisse bei ihm nicht so recht, ob er eine lange Kurze oder eine kurze Lange trage, da hat seine Mutter zum ersten Mal dieses „jetzt schlagt’s zwölfe!“ herausgelassen. Und dazu auch noch als erzieherische Maßnahme die Streichung des Taschengelds für zwei Monate verfügt.
Seither ist er noch öfters von wechselnden Autoritäten mit diesem Spruch bedacht worden, und immer hatte er sich vorher nicht mit Ruhm bekleckert. So auch, als er als Rekrut die Krummstiefer eines Oberfeldwebels mit Zahnpasta putzte. (Drei Sonntagsausgänge gestrichen.)
Doch, langsam wurde nun aus dem Spruchanhörer ein Spruchzuteiler. Das erste Mal seiner Erinnerung nach bei seiner Hochzeit, als ihn nach Verabschiedung der letzten Gäste seine Schwiegermutter wie gewohnt auf die Couch im Wohnzimmer betten wollte. Ja, da schlug es für den Maßschneider echt zwölfe und er drang unter wutentbrannter Ausstoßung dieses Rufes und im vollen Bewusstsein seiner am Vormittag erworbenen Rechte ins Schlafzimmer seiner ehemaligen Braut ein. Worauf diese lächelnd den Schlüssel umdrehte.
Da es ihm in der Folgezeit an eigenen Kindern nicht mangelte, ergab sich noch so manches Mal Gelegenheit, es zwölfe schlagen zu lassen. Aber auch seine einstige Verlobte musste sich diesen Spruch anhören, als sie sein silbernes Hochzeitsjubiläum vergaß.
Übrigens hinken die Norddeutschen, was sie gar nicht so recht glauben wollen, den Bayern beim Zwölfeschlagen um eine glatte Stunde nach, denn bei ihnen schlägt’s dreizehn – und das ist nun einmal 60 Minuten später.
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber