„Wir müssen jetzt Flagge zeigen“

von Redaktion

INTERVIEW Bedford-Strohm über die Beteiligung der Kirche an der Seenotrettung

Die evangelische Kirche will sich mit einem eigenen Schiff an der Seenotrettung im Mittelmeer beteiligen. Den sechs- oder siebenstelligen Kaufpreis will sie mit Spenden finanzieren. Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), betont: „Es geht nicht nur um Symbolik – es geht darum, Menschenleben zu retten.“

Sie beziehen seit Langem klar Position bei dem sehr umstrittenen Thema Seenotrettung. Was spüren Sie stärker, Gegenwind oder Rückenwind?

Überraschend viele Menschen unterstützen das Engagement oder bedanken sich. Einige sagen sogar: „Ich bin stolz auf meine Kirche.“ Nachdem wir angekündigt haben, ein Schiff zu kaufen, kamen so viele positive Rückmeldungen wie noch nie in so kurzer Zeit. Aber natürlich gibt es auch viele Kritiker. Mit ihnen bin ich ebenfalls im Gespräch. Erfreulich ist, dass auch Menschen, die der Kirche kritisch gegenüberstehen, unser Handeln begrüßen. Das ist für mich ein Signal: Die Menschen erwarten, dass Kirche glaubwürdig handelt und in schwierigen Situationen Flagge zeigt.

Wie gespalten ist der Rat der evangelischen Kirche bei diesem Thema?

Der Rat der EKD hat eine sehr einmütige Position ergriffen. Wir wollen dieses Zeichen setzen – aber im Kontext einer Gesamtstrategie. Wir sind seit Jahrzehnten auch in den Ursprungsländern aktiv mit Entwicklungsprojekten. Die Kirchen vor Ort beraten die Menschen, die sich auf den Weg machen wollen und warnen sie vor den falschen Versprechungen der Schlepper. Ein Schiff zu kaufen, ist Teil unserer gesamten diakonischen Tätigkeit.

Wie werden Sie das Schiff finanzieren? Aus Kirchensteuern?

Unser Ziel ist es, das Schiff durch Spenden zu finanzieren. Die Spendenbereitschaft ist groß beim Thema Seenotrettung – deshalb gehe ich davon aus, dass es gelingt. Die Kirche hat ihre diakonischen Tätigkeiten aber schon immer auch aus Kirchensteuern finanziert. Daher gäbe es keinen Grund, das nicht auch in diesem Fall zu tun.

Was ist konkret geplant?

Wir haben den Grundsatzbeschluss gefasst, dass sich die EKD in führender Verantwortung an der Seenotrettung im Mittelmeer beteiligen will. Dazu werden wir ein breites Bündnis gründen und gemeinsam ein Schiff losschicken. Wer sich daran beteiligt, steht noch nicht fest. Die privaten Seenotrettungsorganisationen werden sicher dabei sein. Auch Kirchengemeinden haben sich schon gemeldet, genauso wie Menschen aus Sport und Kultur. Das Interesse ist groß.

Wird sich auch die katholische Kirche beteiligen?

Natürlich hoffe ich darauf, dass wir auch von den anderen Kirchen Unterstützung bekommen. Ich habe bereits Einzelgespräche geführt. Auch Kardinal Marx hat ja immer wieder betont, dass Menschen nicht im Mittelmeer ertrinken dürfen. Ich will aber noch keinen Entscheidungen vorgreifen.

Wie ist Ihr Zeitplan? Wann könnte das Schiff starten?

Es ist ein langer Prozess, ein Schiff zu kaufen. Wir müssen genau überlegen, welches Schiff geeignet ist, dann muss sicher noch einiges umgebaut werden. Ich gehe nicht davon aus, dass wir noch dieses Jahr starten können.

Die AfD wirft Ihnen bereits vor, mit den Schleppern zusammenzuarbeiten…

Das ist natürlich Unsinn – aber keine neue Kritik. Wir werden weiterhin energisch dagegenhalten. Auch früher habe ich schon böse Briefe bekommen und Gespräche mit Menschen geführt, die die Seenotrettung kritisieren. Deswegen kann man die Menschen aber nicht ertrinken lassen. Manchmal muss man eben mutig sein und Haltung beziehen.

Auch von staatlicher Seite werden Seenotretter kriminalisiert. Ist Ihr Schiff ein Zeichen der Solidarität?

Ja, auf jeden Fall. Christliche Grundorientierungen müssen dazu führen, dass Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, nicht ihrem Schicksal überlassen werden. Die Menschen, die die Flüchtlinge retten und dafür kriminalisiert werden, sollen uns an ihrer Seite wissen.

Hat Europa versagt?

Ja, das muss man leider so sagen. Europa hat es trotz aller Forderungen noch immer nicht geschafft, einen europäischen Verteilmechanismus für gerettete Flüchtlinge zu organisieren. Ich hoffe sehr, dass es bald Fortschritte gibt. Ende September findet die europäische Innenministerkonferenz statt – dann erwarte ich ein klares Signal.

Könnten Sie sich vorstellen, bei einer Mission mit an Bord zu sein?

Ja, natürlich. Ich war ja bereits in Sizilien, um die Crew der Sea-Watch zu treffen. Es gibt keinen Grund, nicht auch bei einer Mission dabei zu sein.

Interview: Katrin Woitsch

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