Der sanfte Riese

von Redaktion

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern ist kein Krawallbruder, er liebt den leisen Auftritt. Unterschätzen sollte man ihn nicht. Bilanz über sein erstes Schuljahr – und Ausblick auf neue Vorhaben.

VON DIRK WALTER

München – Pressekonferenz vergangenen Dienstag in der Staatskanzlei. Es geht zum Schuljahresbeginn natürlich um Bildung. Piazolo, der schlaksige 1,90-Meter-Typ, steht neben dem einen Kopf kleineren Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) und doziert über Lehrerzahlen und die „Komponenten der Digitalisierungsmilliarde“. Ein wichtiges Thema, aber schwer zu vermitteln, zumal die meisten Zahlen bekannt und schon eine Woche vorher verkündet worden sind. Den Aha-Effekt des Tages hat sich die CSU gekrallt: In Bayern wird ein Großelterntag eingeführt. Ein typischer Söder – so etwas würde dem Freien Wähler Piazolo nie einfallen.

1:0 also für die CSU? Wer so denkt, der hat etwas übersehen. Der sanfte Riese Piazolo mag lieber Evolution statt Revolution. „Wer in der Schulpolitik den vermeintlich großen Wurf will, erntet meist nur einen Aufschrei“, sagt er. Auch Piazolo will verändern und reformieren, aber er kommt auf leisen Sohlen daher.

„Unterricht gestalten statt Schule verwalten“, forderte die SPD jüngst von Piazolo. Da ist etwas Wahres dran, aber nur etwas. Gewiss, die Freien Wähler sind in der Schulpolitik für die Beibehaltung des Bewährten, damit ähnlich wie die CSU. Im Unterschied zu dieser zeichnet Piazolo aber ein gewisser Hang zum laissez faire aus. Trotz mehrerer Anläufe konservativer Bildungsexperten widerstand der Minister etwa der Forderung, Schüler für die Teilnahme an Demos von „Fridays for future“ während der Unterrichtszeit härter zu bestrafen. Einen Generalerlass gibt es nicht, die Schulleiter entscheiden selbst. Er werde das auch künftig so handhaben, sagt er im Gespräch. Piazolo übersetzt laissez faire ins Politische mit Flexibilisierung. Flexibler geworden ist zum Beispiel die Einschulung – es gibt jetzt einen Korridor, ein gerade erst sechs Jahre alt gewordenes Kind muss nicht eingeschult werden, wenn die Eltern nicht wollen. Das ist neu und war Piazolos erstes Projekt. Das hat ihm Lust gemacht auf mehr: Flexibler soll zum Beispiel die Lehrerausbildung werden. Es müsse doch möglich sein, sagt Piazolo, dass ein Lehramtsstudent auch nach vier oder sechs Semestern noch die Schulart wechseln kann, „wenn er merkt, das bisherige führt in die Sackgasse“. Die Schwierigkeiten beginnen schon mit der Anrechnung von Studienbescheinigungen. Piazolo wird da mit seinem Vorgänger Bernd Sibler, jetzt Wissenschaftsminister, reden müssen. Er ist da optimistisch, die beiden kennen sich seit Langem.

Flexibler gestaltet werden soll auch der Übertritt nach der Grundschule. Klar, nicht alle müssten aufs Gymnasium, warnt er im Gespräch. Aber der Wechsel von einer Schulart in die andere müsse leichter möglich sein. Meist sei es doch ein Wechsel von der vermeintlich höherwertigen Schulart Gymnasium auf Real- oder Mittelschule. Er wolle den umgekehrten Weg fördern, die „positive Schulkarriere“ fördern. Flexibel wird auch die Einführung von Alltagskompetenzen in den Schulunterricht sein – eine Hausaufgabe, die aus dem Bienen-Volksbegehren zum Artenschutz resultierte. Manch einer sah schon „Alltagskunde“ als neues Schulfach, aber nein, sagt Piazolo, so sei das nicht gemeint. „Es wird verpflichtender Unterrichtsgegenstand sein“, aber die fünf Themenfelder Gesundheit, Ernährung, Haushaltsführung, Selbstbestimmtes Verbraucherverhalten und Umweltverhalten sollen in bestehende Fächer (Geografie sowie Heimat- und Sachunterricht) integriert werden. Evolution statt Revolution auch hier also – „es wird ja jeden Monat ein neues Fach gefordert, Glück oder Geld zum Beispiel“, sagt der Minister. Er hält nichts davon.

Piazolo ist ein nüchterner Typ, kein Machtmensch. Er wird im Oktober 60. Seit 20 Jahren ist er jetzt Politiker, hat den Aufstieg der Freien Wähler fast von Beginn an miterlebt. Die Politik als Beruf war nicht geplant, sein Einzug in den Landtag 2008 habe ihn und auch sein Umfeld total überrascht, sagt er rückblickend. Er hatte sich wohl auf ein ruhiges Lehramt an der Hochschule München – Fachgebiet Europäisches Recht – eingestellt.

Es kam anders. Piazolo stritt an der Seite der Grünen gegen die 3. Startbahn, fast als Einzelkämpfer für die Rückkehr zum G9 (Volksbegehren gescheitert) und er war, sein Meisterstück, Initiator des erfolgreichen Volksbegehrens zur Abschaffung der Studiengebühren.

Autoritäres Gehabe ist ihm fremd, Krawall liegt ihm fern, der Professor ist da auch anders gestrickt als Hubert Aiwanger. „Er ruht in sich“, sagt einer, der ihm öfter begegnet. Er ruft anders als seine Vorgänger von sich aus auch mal Verbandsvertreter an, spricht mit ihnen ohne geistigen Beistand durch Referenten aus dem Ministerium.

Der Sohn einer Lehrerfamilie – der Vater war Amtschef im baden-württembergischen Kultusministerium, die Mutter Lehrerin – ist katholisch geprägt, auch gläubig mit gelegentlichen Kirchgängen in der heimischen Gemeinde St. Maria in seinem Stadtteil München-Thalkirchen. Das mannshohe Kreuz in seinem Amtszimmer – ein Erbe von Sibler – hängt weiterhin gleich rechts neben der Eingangstür, Söders Kruzifix-Erlass hat der Freie Wähler zweifellos übererfüllt.

Piazolo ist ledig und kinderlos, hat aber eine Lebensgefährtin, wenn auch mit getrennten Wohnungen. Öffentliche Auftritte der beiden oder gar Fotos gibt es nicht – das wäre Piazolo zu viel Glamour.

Artikel 5 von 11