Der Waldschmidt und sein Urenkel

von Redaktion

Maximilian Waldschmidt kennt heute in München kaum noch jemand. Doch sein Name ist untrennbar mit der Wiesn verbunden: Der Volkskundler ist der Initiator des Trachten- und Schützenzugs. Besuch bei seinem Urenkel.

VON DIRK WALTER

München – „Nennen Sie mich einfach nur Waldschmidt“, sagt der ältere Herr, der am Wohnzimmertisch auf den Besucher wartet. Wäre das schon mal klargestellt. Den bald 89-jährigen Münchner mit seinem vollen Namen anzusprechen, wäre auch etwas umständlich: Rolf Schmidt genannt Waldschmidt, so sein voller Name, ist der Urenkel des Volksschriftstellers und Volkskundlers Maximilian Schmidt (1832-1919), der 1898 von Prinzregent Luitpold den Adelstitel erhielt. „Dabei war er gar nicht scharf drauf“, sagt der Urenkel. „Er hat sein Leben lang nur unter dem Namen Maximilian Schmidt geschrieben, aber die Leute sagten: Das ist vom Waldschmidt.“

Der frisch ernannte Adlige war damals schon 66 Jahre alt und hatte drei Jahre zuvor eine Tradition ins Leben gerufen, die es bis heute gibt: 1895 fand zum ersten Mal der Trachten- und Schützenzug zum Oktoberfest statt, der damals schlicht „Festzug der Bavaria“ hieß. Am 29. September 1895, Punkt 11 Uhr, begann das Spektakel, damals zogen 1400 Trachtler durch München. Die Route ist bis heute im Wesentlichen die alte geblieben: Von der Maximilianstraße bis zur Theresienwiese. Hintergrund der Mühen war wohl die Förderung des Fremdenverkehrs. „Mein Urgroßvater ist vorher durch ganz Bayern gereist und hat versucht, Gruppen zu gewinnen“, sagt Rolf Waldschmidt. Er ist dieses Jahr verreist, aber den Festzug am Sonntag wird er sich wenigstens im Fernsehen ansehen. So viel Tradition muss sein.

Tatsächlich ist der pensionierte Rechtsanwalt vom Fach: 1955 hat er im Fach „Zeitungswissenschaft“ eine Doktorarbeit über „Maximilian Schmidt genannt Waldschmidt im Spiegel der Presse“ geschrieben, später, nach einem schweren Schicksalschlag, sattelte er auf Jura um. Seine Quellenbasis für die Doktorarbeit waren zeitgenössische Zeitungsausschnitte – die Ehefrau des Urahns hatte alles über ihren Mann in Alben geklebt, was ihr in die Finger kam. Maximilian Waldschmidt muss eine imponierende Gestalt gewesen sein, mit Denkerstirn und Wuschelbart nach Art des Prinzregenten. So ist er auch auf einem Ölgemälde verewigt, das im Wohnzimmer des Urenkels hängt. Eine Auftragsarbeit des Prinzregenten, „gemalt hat es eine Meisterschülerin von Lenbach“.

So viel Ehre hatte einen Grund: Maximilian Waldschmidt war zu Lebzeiten eine Berühmtheit. Ihn interessierte alles, was mit Volkskunde zu tun hatte. Er forschte über Trachten und Dialekt, er schrieb volkstümliche Romane mit so schönen Titeln wie „Die Fischerrosl von St. Heinrich“ oder „Der Schutzgeist von Oberammergau“ und 40 Theaterstücke. Ein bisschen Herzschmerz und ganz viel Heimatsound – so mochten es die Leute. „Das meiste klingt heute ganz altmodisch.“ Niemand nimmt heute noch einen Waldschmidt zur Hand. Dabei war er zwischen 1885 und 1895 der meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller. Sogar für den Literatur-Nobelpreis wurde er vorgeschlagen, zog aber gegenüber Paul Heyse den Kürzeren.

Mehr als in München ist Waldschmidt heute noch im Bayerischen Wald bekannt, woher er auch stammt – daher der Zusatz Wald-schmidt. Sein ganzer Titel „genannt Waldschmidt“ wird „unter der Rubrik Sonderadel geführt und ist sehr selten“, sagt Rolf Waldschmidt, sein Urenkel. Ein bisschen Ruhm fällt auch für ihn ab: Denn der Titel ist erblich.

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