München – Mit einer Flügelspannweite von bis zu knapp drei Metern ist der Bartgeier nicht nur der größte Greifvogel Europas, er ist auch einer der seltensten. Doch obwohl die Zahl der Brutpaare in Europa nur im niedrigen dreistelligen Bereich liegt, lässt sich der imposante Greifvogel immer häufiger auch in den bayerischen Alpen blicken. Im Allgäu etwa verzeichnete der Landesbund für Vogelschutz in diesem Jahr bereits zwölf Sichtungen. Wenn es nach den Naturschützern geht, dann dürfte sich der Bartgeier gerne auch dauerhaft im Freistaat niederlassen.
Schließlich war der Vogel aus der Familie der Habichtartigen (klingt auf Latein besonders schön: Accipitridae) früher höchstwahrscheinlich schon mal in Bayern heimisch, wie der Biologe Toni Wegscheider erklärt. In der Kunst ist das dokumentiert, etwa in einem Gemälde von 1650, auf dem zwei angeblich am Königssee geschossene Bartgeier verewigt sind. Und natürlich in der Literatur, wie in Wilhelmine von Hillerns Roman „Die Geier-Wally“, für den sie ihre Inspiration in Tirol unweit der bayerischen Grenze fand.
In Österreich und der Schweiz brütet der Bartgeier, dessen Lebensraum vor allem oberhalb der Baumgrenze liegt, bereits wieder. Toni Wegscheider hat nun in einer Machbarkeitsstudie für den LBV untersucht, ob und wie man den Greifvogel auch in Bayern wieder ansiedeln könnte. Sein Fazit: Mit ein bisschen Hilfe wäre das durchaus möglich. Grundsätzlich gebe es genug Nahrung für den Vogel, der sich ausschließlich von Aas und dabei wiederum vor allem von den Knochen ernährt. Brutplätze seien ausreichend vorhanden und Konflikte und Konkurrenz mit anderen Tieren müssten weder Greifvogel noch die Tierhalter fürchten. Und nein, entgegen seinem vormals zweifelhaften Ruf holt der große Greif weder Lämmer noch kleine Kinder. „Der tut niemandem weh“, sagt Wegscheider.
Als geeignetsten Ort für eine mögliche Wiederansiedlung hat Wegscheider den Nationalpark Berchtesgaden ausgemacht. Im Karwendel- und Ammertalgebirge war der Vogel noch nie wirklich heimisch. Und im Allgäu fühle er sich zwar durchaus wohl, doch in den Ostalpen rund um Berchtesgaden sei mit den Strukturen des Nationalparks die notwendige Logistik für eine Aussiedlung am besten. Das bringt den LBV-Vorsitzenden Norbert Schäffer sogleich ins Schwärmen: „Es wäre doch faszinierend, so einen Vogel wieder regelmäßig an der Watzmann-Ostwand oder über St. Bartholomä fliegen zu sehen.“ Die Studie zeige: „Er kann hier leben, wenn man ihn lässt.“
Wenn man ihn lässt. Denn Wegscheider hat einige Faktoren ausgemacht, die dem Geier das Leben schwer machen. Wilderei zum Beispiel, die aber in Bayern aktuell nicht belegt ist, dafür in Einzelfällen in Tirol. Außerdem würde dem Geier helfen, wenn auch der ein oder andere Kadaver von Weidetieren im Berggebiet liegengelassen und der Natur überlassen würde statt verendete Tiere sofort wegzuräumen, sagt Wegscheider. Wichtigster Faktor sei aber die Jagd mit Bleimunition. „Etwa die Hälfte aller österreichischen Geier stirbt an Vergiftungen, weil sie von Kadavern mit Bleirückständen fressen.“ LBV-Chef Schäffer will sich deshalb grenzübergreifend mit Jägern und Behörden für einen Verzicht auf bleihaltige Munition einsetzen, so wie es im Nationalpark Berchtesgaden und in einigen Bergwaldrevieren der bayerischen Staatsforsten bereits praktiziert wird. „Nur dann hat der Bartgeier in Bayern auch eine Chance“, sagt Schäffer.
Thomas Schreder vom Bayerischen Jagdverband beobachtet hier bereits einen Wandel: „Die Hersteller stellen Zug um Zug mehr Material her, das ohne Blei auskommt.“ Wichtig für die Jäger sei dabei aber die Tötungswirkung. „Die muss mit der bleifreien Munition genauso gegeben sein, sonst bekommen wir Probleme mit dem Tierschutz.“ Hier sei die Munitionsindustrie gefragt.
Im Nationalpark Berchtesgaden ist die Freude jedenfalls groß, dass sich das Gebiet als Lebensraum für den Bartgeier eignen könnte. Nationalpark-Leiter Roland Baier zeigt sich fasziniert von dem Greifvogel und sagt: „Die Wiederkehr des Bartgeiers wäre eine Komplettierung der Fauna.“ Gemeinsam mit dem LBV soll nun geprüft werden, ob zwei mit einem Sender versehene Jungvögel aus einem internationalen Zuchtprogramm freigelassen werden können. Laut Schäffer wäre das allerdings frühestens in zwei Jahren durchführbar.