Uffing/Grünwald – Woher sie kamen, lässt sich nicht sicher sagen. Gewiss ist nur, dass Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals zwei Männer des Namens Nagl im Pfaffenwinkel auftauchten. Bis heute gibt es in der Region zwischen Lech und Loisach noch zahlreiche Nagls. Viele sind irgendwie miteinander verwandt – häufig jedoch, ohne es zu wissen. Zumindest war das bis vergangenen Samstag so.
Der Familienforscher Hanno Trurnit hatte rund 70 Pfaffenwinkler – viele, aber bei Weitem nicht alle trugen den Nachnamen Nagl – in den Gasthof zur Post in Uffing am Staffelsee eingeladen. „Hier im Raum dürfte es einige Ehepaare geben, die gemeinsame Vorfahren haben, ohne dass sie es wissen“, sagte er den Gästen, bevor er sie mitnahm auf eine Reise in ihre Familiengeschichte.
Forschungen zu Familiengeschichten erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Inzwischen gibt es allein für Bayern ein Verzeichnis mit 25 000 Namen in 20 000 Orten, zu denen schon geforscht wurde. Für Hanno Trurnit ist diese Art der Forschung eine Leidenschaft. Begonnen hat sie für den 85-jährigen ehemaligen Verleger aus Grünwald im Kreis München eher zufällig. „Auf einer Tagung habe ich mal jemanden getroffen, der den gleichen Nachnamen hatte. Und der ist nicht gerade häufig“, erzählt Hanno Trurnit. „Es war ein mir unbekannter Bruder meines Großvaters.“
Ein weiterer Bruder des Großvaters hatte da bereits Material zur Familiengeschichte gesammelt und übergab es an Hanno Trurnit. Er erbte sozusagen die Aufgabe des Familienchronisten. Inzwischen glaubt er, von den meisten Trurnits auf der Welt zu wissen, von Argentinien bis auf die Philippinen.
Irgendwann meldete sich dann ein Ahnenforscher aus Amerika bei einem Neffen seiner Frau. Ein Teil ihrer Familie war einst in die USA ausgewandert. Der Neffe gab die Anfrage an Hanno Trurnit weiter, der sich fortan auch den Vorfahren seiner Frau widmete. Vor 20 Jahren brachte er dann je drei deutsche, schweizerische und amerikanische Zweige ihrer Familie bei einem Treffen zusammen. „Dieses Kennenlernen von Verwandten, die bisher nichts voneinander wussten, war sehr berührend“, sagt Trurnit.
Ein Dutzend Mal nahm er seitdem – immer unbezahlt – die Suche in Standesämtern, Archiven und Kirchenbüchern auf sich, wenn Bekannte oder Menschen, die von ihm gehört hatten, ihn baten, ihre Familie zu erforschen.
Trurnit will vor allem Menschen zusammenzubringen. Reine Ahnenforschung und Stammbäume, die einfach nur geradlinig möglichst weit zurückreichen sollen, findet er uninteressant. Es geht ihm um die Berührungspunkte verschiedener Familien, die dann doch irgendwie eine sind – gerade, wenn sie in der selben Gegend leben.
Die Recherchen sind oft mühsam. Standesämter stellen sich quer mit Verweis auf den Datenschutz. Handschriftliche historische Quellen sind vielfach schwer lesbar, damals verwendete Begriffe heute kaum nachvollziehbar. Und Kirchenbücher wurden nicht überall schon im 16. Jahrhundert geführt. Das Mühsamste ist aber der Anfang: die Suche nach lebenden Verwandten. „Meistens interessieren sich Menschen erst für Familiengeschichte, wenn die älteren Verwandten, die noch mehr dazu wussten, schon gestorben sind.“ Also wälzt Trurnit Telefonbücher und kontaktiert anhand des Nachnamens potenzielle Verwandte. Je breiter das Bild der heutigen Verwandtschaft, umso besser lässt es sich rückwärts durch historische Quellen ergänzen.
Am Ende fasst Trurnit seine Recherchen in Büchern für die untersuchten Familien zusammen und erstellt Schautafeln. Präsentiert werden Bücher und Tafeln meist bei einem Treffen, zu dem alle eingeladen sind, zu denen sich familiäre Verbindungen rekonstruieren ließen. Das Schaubild für die 70 Nagls und Nagl-Verwandten aus dem Pfaffenwinkel ist ganze sechs Meter lang und reicht zurück bis ins Jahr 1500.
Große Überraschungen, etwa die unerwartete Begegnung mit einem unbekannten Halbbruder, bot das Treffen in Uffing nicht. Aber für einige Pfaffenwinkler war es doch aufschlussreich, wo sich die Linien ihrer Familien in der Vergangenheit gekreuzt haben. Die Erkenntnisse bieten reichlich Gesprächsstoff für künftige Familientreffen. Schon deshalb hat sich die Arbeit gelohnt, findet Hanno Trurnit.