Die Rebellendörfer verbrüdern sich

von Redaktion

Unterammergau und Ermershausen in Franken haben eins gemeinsam: Sie wehrten sich einst erbittert gegen die Zwangsheirat mit ihrem Nachbarort – letztlich mit Erfolg. Jetzt haben sie eine Partnerschaft besiegelt.

Unterammergau – Es gibt einen Begriff, da bekommt manch Alteingesessener in Unterammergau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) ebenso wie im 368 Kilometer entfernten Ermershausen Bluthochdruck: Gemeindegebietsreform ist in beiden Orten ein Unwort – und das hat einen Grund: Die vom damaligen bayerischen Innenminister Bruno Merk (CSU) energisch vorangetriebene Gebietsreform hat 1978 Unter- zu einem Ortsteil von Oberammergau degradiert – und Ermershausen an der damaligen Grenze zur DDR mit Maroldsweisach zwangsverheiratet. Die Zwangsfusion hielt im Fall von Unterammergau nur vier Jahre – 1980 wurde das Dorf wieder selbstständig. Ermershausen konnte das Joch vermeintlicher Unterdrückung erst 1994 abschütteln.

Widerstand schweißt zusammen. Und so haben die beiden Orte längst vielfältige Kontakte, die nun offiziell in die erste bayerische Gemeinde-Partnerschaft mündeten. Unterammergaus Bürgermeister Michael Gansler fuhr unlängst mit einer Delegation nach Unterfranken, wo im Festzelt die „Partnerschaft zwischen uns offiziell besiegelt“ wurde, wie der Ermershauser Rathauschef Günter Pfeiffer im Festzelt sagte. 250 Besucher feierten den ganzen Abend, gemeinsame Erinnerungen wurden wach. Eingefädelt wurde die Partnerschaft über die Jugend: Die katholische Landjugend von Unterammergau freundete sich mit der evangelischen Landjugend in Ermershausen an. „In gemeinsamen Aktionen gegen die Ungerechtigkeit der Gemeindegebietsreform sind damals die Jugendlichen der beiden Orte aufgestanden und haben ein starkes Zeichen gesetzt“, würdigte das Bürgermeister Pfeiffer. Unter den Aktiven damals war auch Anton Speer – inzwischen Landrat von Garmisch-Partenkirchen. Er hat noch einen Wunsch für die Zukunft: Wer weiß, „vielleicht kommt auch einmal eine Ehe zwischen Bürgern aus Ermershausen und Unterammergau zustande“. „Dieses Paar bekommt bestimmt die allerschönsten Kinder in ganz Bayern.“

Denkwürdig ist die Partnerschaft auch aus einem anderen Grund: Obwohl bei der Gemeindegebietsreform die Zahl selbstständiger Kommunen in den 1970er-Jahren von 6962 auf nur noch 2050 reduziert wurde, war der Widerstand wohl nirgendwo so heftig wie in Ermershausen, dem 800-Einwohner-Ort. Zwar sind seit der Reform eine ganze Anzahl von Gemeinden wieder in die „Freiheit“ entlassen worden, etwa Horgau bei Augsburg, Baar im Landkreis Aichach-Friedberg oder Edling bei Wasserburg.

In Ermershausen aber gipfelte der Widerstand in einer Besetzung des Rathauses und der Errichtung von Barrikaden, um so die Verlegung der Gemeindeverwaltung nach Maroldsweisach zu verhindern. Als alles nichts half, wurde das Dorf schließlich von mehreren Hundertschaften der Bereitschaftspolizei gestürmt und das Rathaus geräumt. Der „Polizeiüberfall“ auf Ermershausen ist ein legendärer Bestandteil der Ortsgeschichte.  mm

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