Der Appell der Waldbesitzer

von Redaktion

30 Millionen Bäume will die Staatsregierung pflanzen. Bayerns Waldbesitzer sagen: Das geht auch auf natürlichem Weg. Doch dafür, so fordern sie in einer gemeinsamen Erklärung, muss im Wald konsequenter gejagt werden.

VON DOMINIK GÖTTLER

Weichs – Christian Mettin steht in einem Waldstück bei Weichs im Landkreis Dachau, stützt sich auf seinen Regenschirm und blickt auf die kniehohen Tannen, die ihn umgeben. Die jungen Bäume hier sind etwa vier bis fünf Jahre alt. Solange ist es her, dass die örtliche Jagdgenossenschaft beschlossen hat: Wir müssen etwas ändern.

Sie waren unglücklich, weil bei der Waldverjüngung in ihren Revieren seit Jahrzehnten nichts voranging. Die jungen Bäume überlebten nicht lange, weil sich die Rehe an den Trieben bedienten. Und das, obwohl die Jagdpächter ihre Abschusspläne auf dem Papier eigentlich erfüllten. Die Genossenschaft beschloss, zwei ihrer Reviere künftig in Eigenbewirtschaftung zu führen – und überzeugte den emeritierten Professor der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, Christian Mettin, die Jagd ehrenamtlich zu übernehmen.

Der 73-Jährige mit dem grauen Dreitagebart ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Maxime „Wald vor Wild“. Gemeinsam mit einem Team aus rund zehn Jägern setzte er die Abschusspläne konsequent um. „Und siehe da“, sagt er heute und blickt auf den Waldboden, „auf einmal haben wir hier wieder Tannen ohne Ende, kaum Verbiss und dazu häufig noch mehr als zehn andere Baumarten“. Im Vegetationsgutachten, in dem die bayerischen Forstämter alle drei Jahre den Verbiss in den bayerischen Hegegemeinschaften dokumentieren, werden neuerdings beide Reviere als „günstig“ eingestuft. „Es geht, wenn man will“, bilanziert der Professor.

Kein Zufall also, dass sich die Spitzen der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Oberbayern sowie der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften in Oberbayern gestern im Weichser Wald versammelten. Denn Mettins Feldversuch für die Naturverjüngung stößt bei den Waldbesitzern auf offene Ohren. In einer gemeinsamen Erklärung fordern die beiden Gruppierungen Behörden und Jäger auf, die Naturverjüngung strikter voranzutreiben. Und das bedeute vor allem eines: konsequentes Schießen von Rehen.

„Die Zeit läuft uns davon“, sagt Andreas Tyroller, Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigungen in Oberbayern. „Wir brauchen angepasste Wildbestände, um klimatolerante und multifunktionale Wälder aufzubauen und zu erhalten.“ Die Jagdbehörden müssten häufiger einen sogenannten körperlichen Nachweis fordern, was bedeutet, dass der Jäger jedes erlegte Reh tatsächlich vorzeigen muss.

Die Forderungen der Waldbesitzer sind freilich nicht unumstritten. Vor allem vonseiten des Jagdverbands kommt immer wieder Kritik am Forstlichen Gutachten, das nach wie vor etwa der Hälfte aller bayerischen Hegegemeinschaften einen zu hohen Verbiss attestiert. Das Gutachten zeichne ein verzerrtes Bild, eine ständige Abschusserhöhung zeige keine Wirkung, so die Argumente. Man wolle keinen Feldzug gegen das Rehwild führen. Auch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) ist ein Verfechter dieser Linie. Er hatte im Frühjahr in einem Interview mit dem Fachmagazin „Pirsch“ – nicht unbedingt zur Freude des eigentlich für Forstangelegenheiten zuständigen Landwirtschaftsministeriums – seine Kritik an dem Gutachten erneuert. Es trage Unruhe in die Dörfer. Und es bringe nichts, „unter einem zu dichten Fichtenbestand auf den Knien rutschend zu schauen, ob man eine verbissene Eiche oder Vogelbeere findet“.

Christian Mettin gibt aber durchaus zu, dass die Umstellung im Weichser Revier nicht völlig konfliktfrei abgelaufen ist. „Anfangs hieß es, da kommt die Killer-Truppe. Aber das Geschwätz von der Ausrottung der Rehe ist völlig überzogen.“ Seine Beobachtung ist: „Die Population ist gesünder als zuvor.“ Und Kritik sei leiser geworden. Für Mettin ist klar: „Der Wald zeigt, ob die Jagd stimmt.“ Und die vielen jungen Tannen sind für den 73-Jährigen der Beweis, dass sein Weg der richtige ist.

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