Eine Uni-Legende tritt ab

von Redaktion

Nach 24 Jahren im Amt tritt Deutschlands dienstältester Uni-Präsident ab: Prof. Wolfgang Herrmann, Chef der Technischen Universität München. Doch auch im Ruhestand wird der 71-Jährige so einige Register ziehen.

VON BARBARA NAZAREWSKA

München – In der Akte des Studenten Wolfgang Herrmann gibt es eine bemerkenswerte Notiz aus dem Jahr 1971: Dort steht, dass der heutige Präsident der Technischen Universität München (TUM) sein Chemiestudium in sieben Semestern abgeschlossen habe. Aber trotzdem kein Zeugnis verliehen bekomme. Weil die Mindeststudienzeit acht Semester betrage.

Das Zeugnis bekam er dennoch. Dafür hatte sich sein Professor eingesetzt – Ernst Otto Fischer, Nobelpreisträger für Chemie anno 1973. Und Herrmann, damals Anfang 20, lernte schon zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere, dass Regeln dafür da sind, um, nun ja – angepasst zu werden.

Heute ist Prof. Herrmann, ein bedeutender Chemiker, nicht nur der dienstälteste Uni-Präsident in Deutschland, sondern vor allem ein höchst erfolgreicher. „Jeder sollte wissen, dass die TU eine Haltung hat“, sagt er. Und meint damit: Eine Universität müsse „die eigene Agenda in die Hand nehmen“, sie dürfe „keine nachgeordnete Behörde“ sein – unnötig zu sagen, dass der eine oder andere Wissenschaftsminister, mit dem Herrmann in 24 Jahren Amtszeit zu tun hatte, diese Meinung nicht ganz teilte.

Trotz Widerständen und eines Verfahrens wegen Steuerhinterziehung, das Herrmann vor knapp 20 Jahren sogar um ein Ministeramt brachte, hat er die TU seit seinem Antritt 1995 umgekrempelt: Aus einer kleinen, auf Ingenieurswissenschaften spezialisierten Hochschule ist eine „Exzellenz-Universität“ geworden (wir berichteten). In internationalen Rankings spielt sie mit anderen Top-Unis längst in einer Liga.

Dennoch ist Herrmann geerdet genug, um zu wissen: „Das ist nicht alles!“ Deshalb schrieb er in den jüngsten Exzellenz-Antrag folgenden Satz: „Die Universität ist im Kern Dienerin der Gesellschaft.“ Herrmann ist davon überzeugt, dass sich Technik am Menschen orientieren muss, dass Ingenieure auch einen sozial-wissenschaftlichen Hintergrund brauchen: „Wissenschaftlicher Fortschritt ist stets interdisziplinär“, sagt er. Er passiere an den Schnittstellen unterschiedlicher Fächer.

Deshalb hat Herrmann unter anderem die Geistes- und Sozialwissenschaften an der TU massiv ausgebaut – und auch unzählige Studierende aus dem Ausland nach München gelockt. Deutschland brauche die schlauesten Köpfe, lautet sein Credo. München konkurriere mit der Welt. Inzwischen sind 30 Prozent der rund 40 000 Studierenden Ausländer. Viele Vorlesungen sind auf Englisch – damit könnten sich später auch deutsche Absolventen auf dem internationalen Arbeitsmarkt bestens behaupten. Freilich hat diese Entscheidung Herrmann Kritik eingebracht: Auf einer bayerischen Uni so viel Englisch! Ja, auch Herrmann findet das bedauerlich, aber: „Es hilft nix, selbst wenn es wehtut“, sagt er. Ihm wäre es durchaus lieber, es würde international Deutsch gesprochen, „am liebsten sogar Bairisch“ – aufgewachsen ist Herrmann nämlich in einem Dorf bei Kelheim, mit vier Schwestern und einem Vater, der Volksschullehrer war. Weil das aber eben nicht so ist, muss man pragmatisch sein. „I’m sorry!“

Jeder, der Herrmann kennt, weiß aber, dass er „ein Regionalist“ ist. Internationalität bedeutet für ihn, „die Werte der Heimat mit der Welt zu verbinden“. Nicht umsonst hat er das ehemalige Zisterzienserkloster Raitenhaslach bei Burghausen zu einem Akademiezentrum gemacht – einem Ort des internationalen wissenschaftlichen Austauschs. „Eine Universitätsleitung muss sich nicht nur in Europa, Asien und in den USA auskennen, sondern auch in Bayern, wo unsere Wurzeln sind.“

Das hat er auch seinem Nachfolger eingeimpft: Prof. Thomas Hofmann – „ein exzellenter Mann“. Am Montag ist offizielle Ämterübergabe. Und am Dienstag, sagt Herrmann, könne er dann endlich ausschlafen. Um danach in den Ruhestand zu starten.

Konkret heißt das für ihn: „Fundraising“ für die TU, also Drittmittel eintreiben; schließlich hat Herrmann beste internationale Kontakte, „und da störe ich niemanden“, sagt er schmunzelnd im Hinblick auf seinen Nachfolger. Dann will er sich in Singapur engagieren, auch ein TU-Standort; hier legen Studierende aus Asien den deutschen Uni–Abschluss ab – trotz hoher Studiengebühren „reißen uns die Leute den Master aus den Händen“. Für das eine oder andere Gremium bleibt er freilich aktiv. Und für seine fünf Kinder, neun Enkel und eine Lebensgefährtin will er natürlich mehr Zeit haben.

Das Orgelspielen darf jedoch nicht zu kurz kommen. In Garching an der Alz besitzt Herrmann einen alten Pfarrhof – und einen Schlüssel für die Kirche, damit er stets auf der Orgel üben kann. Vor allem für die alljährlichen Adventskonzerte der TU im Münchner Gasteig. „Man darf seine Talente nicht verkommen lassen“, sagte er jüngst in einem Interview.

Wenige Tage vor seinem Abschied erzählt er die Geschichte von einem jungen Mann, der kam vom Dorf, hatte ein fast 3,0-Abi. Herrmann ließ ihn trotzdem fürs Studium zu – weil sein Motivationsschreiben so überzeugend war. Und weil im Gespräch herauskam, dass sein Vater gestorben war, ein Bäcker, und der junge Mann vor der Schule immer in der Backstube stehen musste. „Da kann man kein 1,0-Abi machen“, sagt Herrmann. Und dennoch ein guter Ingenieur werden.

Artikel 1 von 11