München – „Personen im Gleis“ – diese Störungsmeldung ist bei der S-Bahn, zumal zur Wiesn-Zeit, fast Alltag. 320 solcher Vorfälle gab es 2017 – die letzte verfügbare Zahl. Meist stockt der Bahnverkehr für kurze Zeit, dann ist es vorbei. Doch gestern früh wirbelte eine unbekannte Person den Berufsverkehr gehörig durcheinander.
Gegen 5.30 Uhr hatte der Lokführer einer S 6 zwischen Laim und Hirschgarten eine Person im Gleisfeld gemeldet. Die Stammstrecke wurde daraufhin für eine halbe Stunde gesperrt. „Schlechte Uhrzeit, schlechter Ort“, kommentiert der Bahnsprecher die Störungsmeldung. „Dieser Vorfall traf uns zu einer extrem ungünstigen Zeit.“ Der Fahrplan im Berufsverkehr ließ sich nicht mehr einhalten, selbst zahlreiche Lokführer auf dem Weg zur Arbeit kamen zu spät. Außerdem waren geplante Zugumläufe nicht mehr haltbar. Züge, die einzelne Bahnen verstärken sollten, trafen nicht rechtzeitig ein.
So war es nach Darstellung der S-Bahn auch bei der S 3 Richtung Mammendorf, die um Viertel nach sieben Uhr morgens in Holzkirchen losgefahren war. Schon einige Bahnhöfe weiter war die S-Bahn gesteckt voll, berichten Fahrgäste unserer Zeitung. Denn die Bahn fuhr nur als Vollzug, also mit zwei aneinander gekuppelten Zügen, und nicht als Dreier-Kombination (Langzug). „Das lag an der vorangegangenen Störung“, sagt der Bahnsprecher. „Normalerweise ist das schon ein Langzug.“
Hinzu kam aber, dass die S 3 wie berichtet derzeit nur ausgedünnt fährt. Der S-Bahn fehlen Züge – die sogenannten Taktverstärker, die den Zehn-Minuten-Takt ermöglichen, wurden von der Bahn daher gestrichen und sollen erst wieder ab Ende Oktober sukzessive laufen.
Gestern aber stauten sich die Fahrgäste schon am Bahnsteig. In Taufkirchen „sind schon einige draußen geblieben“, berichten Fahrgäste unserer Zeitung. Eine Station weiter, in Unterhaching, „kam gar niemand mehr rein“. Reisende mussten auf die nächste S-Bahn 20 Minuten später warten – die vermutlich dann ebenso voll war.
Die S-Bahn kämpfte gestern noch mit weiteren Störungen. Um 8.20 Uhr gab es einen Notarzteinsatz am Marienplatz. Und etwa zur gleichen Zeit musste eine S 8 am Ostbahnhof geräumt werden – „NZG“ lautete der Alarm. Das Kürzel steht für „nicht zuortbarer Gegenstand“, ein herrenloser Koffer also. Erst gegen 11 Uhr normalisierte sich der Betrieb.
Der Unbekannte, der einen Großteil der Störungen ausgelöst hatte, konnte übrigens nicht mehr gefunden werden. „Wir haben von beiden Seiten aus die Gleise abgesucht“, sagt die Sprecherin der Bundespolizei, Petra Wiedmann. „Der Lokführer hatte ihn noch Richtung Zugwaschanlage flüchten sehen.“ Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um einen verirrten Wiesn-Besucher handelte. DIRK WALTER