Ein „entehrter Held“

von Redaktion

Der Schriftsteller Alfred Andersch und sein rechtsradikaler Vater

Der Schriftsteller Alfred Andersch (1914–1980) ist ein wenig in Vergessenheit geraten – einst gefeierte Erzählungen wie „Die Kirschen der Freiheit“ (über seine Desertion aus der Wehrmacht) oder „Sansibar oder der letzte Grund“ haben im Schulunterricht nicht mehr den Rang, der ihnen eigentlich zukommt. Das ist schade, denn in den Stücken steckt viel Autobiografisches und – da der Autor in München aufwuchs – auch viel Bayerisches.

Andersch sympathisierte als Jugendlicher mit den Kommunisten, traf sich im Volkarthof in Neuhausen mit seinen Gesinnungsgenossen. Auch im KZ Dachau soll er kurze Zeit inhaftiert gewesen sein – aber das ist umstritten. Wobei wir beim Thema wären: Der Quellenwert von Anderschs Stücken ist in jedem Fall kritisch zu untersuchen. Am deutlichsten wird das an dem kurz vor seinem Tod verfassten Buch „Der Vater eines Mörders“, an dem es viel Kritik gab, weil Andersch seinen ehemaligen Schuldirektor Gebhard Himmler vom Wittelsbacher Gymnasium als hasserfüllten Pauker darstellte – der Münchner Rechtsanwalt und Autor Otto Gritschneder, der den Vater des SS-Massenmörders Heinrich Himmler ebenfalls kannte, verwahrte sich gegen diese Charakterisierung.

Womöglich projizierte Andersch in die Himmler-Figur einiges hinein, was eigentlich seinem Vater Alfred galt. Denn Alfred Andersch senior engagierte sich in den frühen 1920er-Jahren in nationalistischen Kreisen. Andersch beschreibt seinen Vater in dem kurzen Stück „Der Park zu Schleißheim“ als Mann, „der zwar gläubig, vor allem anderen aber national gesinnt war“. Der kleine Versicherungsagent, Hauptmann der Reserve und verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen, fühlte sich – so sein Sohn – als „entehrter Held“ und hing seinen Träumen in obskuren, sektiererischen Verbänden nach. Sogar am Hitler-Putsch soll der Anhänger von General Ludendorff 1923 teilgenommen haben.

Die rechtsradikale Gesinnung von Vater Andersch geht auch aus einem – soweit zu sehen bisher nicht beachteten – Aktenstück im Staatsarchiv München hervor. In dem Archiv ist das Vereinsregister des Amtsgerichts aufbewahrt, das für die frühen 1920er-Jahre einige gruselige Hinterlassenschaften birgt. München war damals ein Tummelplatz für Rechtsradikale, und so findet man unter der Nummer AG 33 204 beispielsweise Satzung und Protokoll der „Münchner Gesellschaft für Rassenhygiene“, unter der Nummer AG 33 163 den „Deutschen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“ und unter AG 33 170 den „Völkischen Rechtsblock in Bayern e.V.“, deren Vorsitzender der Bibliothekar und spätere Chef der Staatsbibliothek Rudolf Buttmann war. Dritter Vorsitzender jedoch war ausweislich des Vorstandsprotokolls vom 23. Februar 1924 Alfred Andersch – der Vater des Schriftstellers.

Der Völkische Rechtsblock war eine Ersatzorganisation für die nach dem Hitlerputsch verbotene NSDAP, in der sich die untereinander zerstrittenen Rechtsradikalen sammelten. Als „Völkischer Block in Bayern“ traten diese sogar bei der Landtagswahl im April 1924 zur bayerischen Landtagswahl an und erzielten mit über 17 Prozent einen erstaunlichen Erfolg. Nach Hitlers Entlassung aus der Landsberger Haft und der Wiedergründung der NSDAP zerfiel der „Rechtsblock“ rasch wieder.

Alfred Andersch wird im „Rechtsblock“ nicht sonderlich aktiv gewesen sein, denn zu jener Zeit war er – glaubt man seinem Sohn – schon weitgehend ans Bett gefesselt. Eine alte Kriegsverwundung brach wieder auf, ihm musste ein Bein amputiert werden. „Er versank in eine zwei Jahre dauernde Agonie aus Morphiumräuschen und Schmerzanfällen“, ehe er 1929 starb. DIRK WALTER

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