München – Als Schulrektorin gehört es zu den Aufgaben von Ulrike Neiser, die Zeugnisse, die die Lehrer ihrer Grundschule verfasst haben, gegenzulesen. Sie verweist auch auf diese Erfahrung, wenn sie sagt: „Wir brauchen dringend andere Zeugnisse.“
Neiser ist stellvertretende Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG). Seit 2017 setzt sich der Berufsverband dafür ein, die Zeugnisse für Grundschüler ab der zweiten Klasse umfassend zu reformieren. Sie sollen kürzer, prägnanter, vor allem aber aussagekräftiger werden. „Die jetzigen Zeugnisse sind extrem textlastig“, sagt Neiser. „Aber gerade diese Fülle an Information überfordert die Eltern, die oft auch nicht wissen, wie sie bestimmte Aussagen zu deuten haben.“
Als Beispiel nennt Neiser die Formulierung „der Schüler bemüht sich“. „Viele Eltern werten das als positive Formulierung, weil sich der Schüler doch anstrengt. Dabei bedeutet ,sich bemühen’, dass der Schüler mit dem entsprechenden Stoff noch Schwierigkeiten hat.“
Für jedes Fach, sei es Deutsch, Mathematik, Heimat- und Sachkunde oder Kunst, muss der Lehrer zusätzlich zu den Noten Textfelder füllen, in denen er Stärken und Schwächen des Schülers in dem Fach beschreiben soll. Dazu gibt es Anmerkungen zum Sozial- und Lernverhalten und der Lernentwicklung. Zwei DIN A4-Seiten umfasst ein normales Grundschulzeugnis.
Der hohe Umfang, sagt Neiser, führe in der Praxis oft dazu, dass die Lehrer auf vorgefertigte Textbausteine zurückgreifen. Die Folge: „Die Zeugnisse werden beliebig“, sagt Neiser. „Eines ähnelt dem anderen, die einzelnen Kinder sind unter den Floskeln nicht mehr erkennbar.“
Wobei, das stellt Neiser klar, die Lehrer sich bemühen, ein individuelles Zeugnis anzufertigen. „Aber in der jetzigen Form, ist das kaum möglich.“ Davon abgesehen, dass es die Lehrer sehr viel Zeit kostet, ein solches Zeugnis zu erstellen. „Das ist Zeit, die ihnen für die Arbeit mit Kindern verloren geht“, sagt Neiser. „Die Lehrer wollen Rückmeldung geben, aber eben in einer zeitgemäßen Form, mit der die Eltern wie Schüler etwas anfangen können.“
Die neuen Zeugnisse sollen deshalb nach den Vorstellungen der KEG prägnanter werden. Das geht schon beim Umfang los. Das neue Zeugnis hat nur mehr eine Seite und neben dem Notenblock nur noch zwei Textfelder. Einen für das Sozial-, Lern- und Arbeitsverhalten und einen für die Lernentwicklung. Die Lehrer, sagt Neiser, könnten dank der knapperen Form das Wesentliche hervorheben. „Diese direkte Rückmeldung führt zu einer treffenden Schülerbeschreibung.“
Ein Kompetenzbogen soll das neue Zeugnis ergänzen. Auf diesem Bogen ist der aktuelle Lernstand des Schülers in den einzelnen Fächern grafisch dargestellt. „Auch Eltern, die nicht so gut Deutsch sprechen, bekommen so einen guten Überblick“, sagt Neiser.
Die meisten Grundschüler und Eltern in Bayern kennen den Kompetenzbogen bereits aus den Lernentwicklungsgesprächen zum Halbjahr. Bereits 85 Prozent der bayerischen Grundschulen haben seit dem Schuljahr 2014/2015 in den Jahrgangsstufen 1 bis 3 die Zwischenzeugnisse durch dieses Gespräch zwischen Schüler und Lehrer ersetzt.
Um die Reform der Grundschulzeugnisse voranzutreiben, startete die KEG Anfang 2017 eine Unterschriftenaktion, die mehr als 10 000 Unterstützer fand. Seitdem sei man mit dem bayerischen Kultusministerium, aber auch mit den Elternverbänden stetig im Gespräch, sagt Neiser. Aber man müsse noch viel Überzeugungsarbeit leisten. In einigen Tagen habe die KEG einen Termin mit Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler), bei dem es auch um die Reform der Zeugnisse gehen soll. „Wir bleiben dran“, verspricht Neiser.