München/Lindau – Ein Jahr ist es jetzt her, dass es bei der Wahlparty der Grünen in München Konfetti geregnet hat – und seit die Partei mit 17,5 Prozent in den Landtag eingezogen ist, hält die Euphorie an. Die Mitgliederzahl der Grünen in Bayern kratzt an der 15 000, rund 30 Prozent mehr als 2018. Nun soll sich entscheiden, wer den Höhenflug vorantreibt: Am Sonntag treffen sich die Grünen zum Parteitag in Lindau – und wählen dort ihre neue Landesvorsitzende.
Zwei Frauen kämpfen um die Parteispitze: Eva Lettenbauer, 26, und Judith Bogner, 50. Beide wollen Nachfolgerin von Sigi Hagl, 52, werden. Die scheidende Grünen-Chefin tritt nach sechs Jahren im Vorsitz nicht mehr an, sie kämpft bei den Kommunalwahlen 2020 um den Landshuter OB-Sessel. „Das ist keine einfache Entscheidung gewesen“, sagt sie. „Aber sie fühlt sich nach wie vor richtig an.“ Ihr Co-Chef Eike Hallitzky, seit fünf Jahren Landesvorsitzender (er selbst steht erst 2020 zur Wahl), lässt sie ungern gehen – sagt aber auch, dass Lettenbauer und Bogner „kompetente Nachfolger“ sein könnten.
In Parteikreisen gilt Lettenbauer als Favoritin für die Parteispitze. Die 26-Jährige aus dem Landkreis Donau-Ries ist als Landtagsabgeordnete in der Partei gut vernetzt. Und auch sie selbst schätzt ihre Chancen gut ein: „Ich habe für meine Bewerbung sehr großen Zuspruch bekommen“, sagt sie. „Das macht mir Mut.“
Ihr Ziel als Parteichefin: „Taktgebende Zukunftskraft“ in Bayern werden, die CSU herausfordern. Ihr sei es wichtig, Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit Wirtschaft, sozialer Gerechtigkeit und einer gut ausgebauten Infrastruktur zu verbinden. Erstes Projekt sind die Kommunalwahlen 2020. Dass die Grünen bislang noch eher in Städten als auf dem Land ankommen, wird dann zur Herausforderung. Lettenbauer ist zuversichtlich, dort auch mehr Wähler zu erreichen: „Weil wir etwa die Pflegeversorgung weiterentwickeln wollen, mittelständische Unternehmen und Weiterbildung stärken und dafür sorgen, dass Menschen auch ohne ein eigenes Auto mobil sein können.“ Ihr junges Alter sieht sie nicht als Problem. Sprecherin der Grünen Jugend, Kreisvorsitzende in Donau-Ries, Sitz im Landtag – genau diese Erfahrungen hebt sie hervor.
Judith Bogner punktet hingegen eher mit Lebenserfahrung – und der Lockerheit eines Polit-Neulings. Sie ist erst seit drei Jahren Mitglied der Grünen. Die Schauspielerin und Moderatorin aus dem Landkreis Mühldorf hat viele Jahre in verschiedenen Ländern gelebt, die meiste Zeit in London. „Ich habe gesehen, dass Umweltverschmutzung weltweit ein großes Problem ist. Und ich habe Erfahrungen, die über den bayerischen Horizont hinausgehen – mit denen kann ich mich einbringen.“ Ihr Ziel als Vorsitzende: „Es gibt viele Zielgruppen, auf die wir ab jetzt mehr zugehen sollten: Gewerkschaften, Unternehmen, Banken, Handwerker und Bauern – denn auch die begreifen, dass wir unsere Umwelt retten müssen.“ Bogner ist sich sicher, dass sie etwas bewegen kann: „Ich bin optimistisch.“
Bogner ist Kreisvorsitzende in Mühldorf – wobei Politik nicht ihre größte Leidenschaft ist. „Ehrlich gesagt: Eigentlich kann ich Politik gar nicht leiden – weil sie so polarisierend ist. Aber ich mache mir ernsthafte Sorgen um die Umwelt und will mich deshalb unbedingt einbringen.“