München – Hätte den Grenzgänger auf vier Pfoten nicht die Notdurft geplagt, wäre sein Abstecher in den Freistaat niemandem aufgefallen. Doch bei seinem Kurzbesuch im Allgäu hat der Braunbär einen kapitalen Haufen von mehr als 20 Zentimetern Durchmesser hinterlassen – auf den prompt eine Touristin stieß und ein Foto schoss. Vom 1. Oktober datiert diese Aufnahme aus einem Waldstück im Balderschwanger Tal, die gut zwei Wochen später das Landesamt für Umwelt erreichte. Gemeinsam mit Spezialisten aus Italien untersuchten Mitarbeiter des Landesamtes für Umwelt (LfU) die Hinterlassenschaft. Und die Experten waren sich einig: Die Losung, so der Fachjargon, stammt höchstwahrscheinlich von einem Bären, wie das Umweltministerium am Freitag mitteilte. Es ist der erste Bärennachweis im Freistaat seit dem Streifzug des berühmt-berüchtigten Bruno vor 13 Jahren.
Es sei davon auszugehen, dass es sich um dasselbe Tier handelt, das wenige Tage später im Bezirk Reutte in Tirol von einer Wildtierkamera fotografiert wurde, heißt es beim bayerischen Umweltministerium. Denn wie berichtet streunt schon seit einigen Monaten ein Braunbär unweit der bayerischen Grenze in Tirol umher. Sichtungen wurden rund um Reutte und im Pitztal gemeldet. Das vermutlich männliche Tier stammt wahrscheinlich aus einer Bärenpopulation im italienischen Trentino, etwa 120 Kilometer von Bayern entfernt. Bislang gebe es aber weder in Bayern noch in Österreich DNA-Proben, mit denen die Herkunft klar bestimmt werden könnte, wie Claus Kumutat vom LfU erklärt. Mitarbeiter seines Landesamts suchen jetzt im Balderschwanger Tal nach weiteren Spuren.
Hinweise, dass sich der Braunbär weiterhin in Bayern aufhält, gibt es laut Umweltministerium derzeit nicht. Gut möglich also, dass sich Brunos Nachfolger nach seiner Stippvisite schnurstracks wieder in Richtung Tirol verabschiedet hat. „Mir sind jedenfalls weder von Jägern noch von Almbauern Meldungen über gerissene Tiere oder Sichtungen bekannt“, sagt der Balderschwanger Bürgermeister Konrad Kienle.
Wo sich der Bär aktuell aufhält, ist unklar. Aber weil ein Bärenmännchen auf Wanderschaft bis zu 40 Kilometer am Tag zurücklegen kann, ist nicht ausgeschlossen, dass er wieder auf bayerischer Seite auftaucht. „Bayern ist gut vorbereitet“, betont Umweltminister Thorsten Glauber (FW). Man sei in engem Austausch mit Österreich und Italien. Der Bär verhalte sich scheu und unauffällig. Trotzdem bittet das Ministerium die Bevölkerung und Wanderer in der Region um besondere Aufmerksamkeit. So sollten etwa keine Essenreste in der freien Landschaft zurückgelassen werden. Wer dem Bären begegnet, sollte Abstand halten und die Polizei oder das Landesamt für Umwelt informieren.
Unterdessen schwelt bereits die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über den wilden Besucher. Almbauern und auch der Mittenwalder Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU) forderten schon nach der letzten Sichtung in Tirol einen baldigen Abschuss. Das ist rechtlich allerdings erst möglich, wenn der Bär zum Sicherheitsrisiko für den Menschen wird. Weil der streunende Bär bislang eher unauffällig geblieben ist, adelt der Landesbund für Vogelschutz ihn hingegen schon als „Vorbild-Bär“. Ganz im Gegensatz zu seinem prominenten Vorgänger Bruno, der wegen seiner ausgiebigen Plündertouren von der Schafherde bis zum Bienenstock vom damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber als Problem-Bär verurteilt wurde – und nach seinem viel diskutierten Abschuss nun ausgestopft im Museum Mensch und Natur in München steht.