Die Minigolf-Magier von Murnau

von Redaktion

20 Millionen Deutsche spielen Minigolf – für die meisten eine willkommene Abwechslung an eintönigen Wochenenden. Profis dagegen spielen um den Sieg. Ein Besuch in Murnau, wo es Asse hagelt und wo die Lokalmatadoren sogar den „Töter“ überwinden – eine Bahn, die Anfängern Tränen in die Augen treibt.

VON KAROLINE AMON

Wenn Volker Wagener, 54, die Anlage betritt, dann gibt es nur noch ihn, seinen Schläger und den Ball. Die Knie leicht gebeugt, platziert er den Schläger mit beiden Händen zwischen seine Beine. Ein kleiner Schubs und der Ball rollt gemächlich, aber exakt an der Bahnkante entlang, vorbei an den beiden pyramidenförmigen Aufbauten, hinein in den Endkreis. Als ob er eine Ehrenrunde drehen wollte, umrundet der Ball den Kreisrand, bevor er, wie von einem Geisterschläger geführt, plötzlich in die Mitte rollt, geradewegs ins Loch hinein. Plopp!

Volker Wagener blickt weise ins Leere, schließlich wusste er schon vor dem Schlag, dass der Ball auf der „Pyramide“ ein „Hole-in-One wird“, ein Minigolf-Ass. Seit sechs Jahren trainiert der Ausbildungsleiter einer Sicherheitsfirma vier bis fünf Mal die Woche und am Wochenende auf dem Platz des Minigolfclubs Murnau.

Ein paar Bälle schlagen gegen die Langeweile ist das Motto der Freizeit-Minigolfer, Asse sind da eher selten. Inmitten der bunten T-Shirts und Blumenhosen der Hobby-Spieler bereitet sich Volker Wagener im blauen Klubtrikot auf die nächste Bahn vor, eine 90 Zentimeter mal sechs Meter lange Spur aus Eternit. An der Grenze zum Endkreis versperrt ein unscheinbarer Betonblock dem Ball das Ziel, es sei denn, er rollt durch das winzige Loch, kaum größer als der Ball selbst.

„Töter“, so heißt die Bahn, die Hobby-Minigolfer verzweifeln lässt und Profis herausfordert. Und Volker Wagener ist jemand, der im Minigolfsport als Profi gilt. Der vierfache Familienvater spielt in der höchsten Klasse, der Bayerischen Seniorenliga. An den Wochenenden zwischen April und November tingelt Wagener zu Landesmeisterschaften und Pokalturnieren quer durch den Freistaat. Auch außerhalb der bayerischen Grenzen war Wagener schon auf Minigolf-Turnieren vertreten, so wie letztes Jahr in Meran.

Sportarten wie Fußball oder Ski-Abfahrtslauf bringen weltweit Topstars mit Höchstleistungen hervor. Daneben wirkt Minigolf auf Profiebene wie ein Zaungast, denn wer kennt schon den amtierenden Minigolf-Weltmeister Marcel Noack?

Doch wie beim Profi-Fußball messen sich auch die Besten im Minigolf in Wettkämpfen rund um den Globus. „Minigolf ist nicht so überfüllt wie zum Beispiel Fußball“, sagt Volker Wagener. „Mit einem gewissen Talent und Ehrgeiz können Einzelne in unserem Sport etwas erreichen. Bezirksmeister werden zu wollen, ist dann ein realistisches Ziel.“

Ein Kollege nahm den heutigen Seniorenligisten 2013 mit in den Murnauer Club. „Minigolf bedeutet für mich aktive Entschleunigung“, sagt Wagener. „Man vergisst alles um sich herum und ist nur auf den Ball konzentriert.“ Und er sagt: „Wenn man erst mal angefixt ist, dann geht das mit der Ballkauferei los.“ Wagener meint damit die 30 000 verschiedenen Sorten Minigolfbälle, die derzeit weltweit gehandelt werden. Er hat einige hundert in seinem Repertoire, sein Freund Ernst Böhm bringt es mittlerweile auf 2000.

Der 80-Jährige ist Murnauer Club-Pionier und Kassenwart des MGC Murnau. Seit 1979 spielt der ehemalige Lokführer Minigolfturniere. Aus einem handgestrickten Wollsäckchen packt Böhm seinen Favoriten aus. Ein mittelschwerer Ball, Preis 120 Euro. „Der läuft einfach phänomenal“, sagt Böhm. Dass ein Ball geeignet ist für verschiedene Bahnen mit verschiedenen Hindernissen kommt im Minigolf-Sport eher selten vor. Denn es gilt: Für jede Bahn gibt es den optimalen Ball. Im Gegensatz zum Golfsport und dem Hype um die Schläger sind es die Bälle, die im Minigolf über Sieg oder Niederlage entscheiden können. „Da gibt es die härteren, die eher langsam laufen oder die weicheren, die wie Gummibälle hüpfen und schneller sind, weil sie nach dem Aufprall an der Bahnkante beschleunigen“, erklärt Ernst Böhm die Ball-Physik.

Für den „Töter“, der Bahn mit dem Lochhindernis, entscheidet sich Wagener für einen harten, rohen Ball aus Glas. Angeschubst hält er die Mittelspur, passiert die Öffnung ohne Probleme und rollt direkt ins Loch hinein.

Für Laien sehen Minigolfsportanlagen immer gleich aus. Es gibt 18 Bahnen in verschiedenen Formen, mit oder ohne Hindernis. Gespielt wird auf den kurzen, sechs Meter langen Eternitbahnen oder auf den Zwölf-Meter- Langbahnen aus Beton. So weit die Norm. Tatsächlich aber „ist jede Bahn anders“, sagt Ernst Böhm. „Manche Bahnen fallen nach links oder rechts ab. Wenn man die Eigenheiten vorher kennt, kann man diese Neigungen für sich nutzen, um besser Asse zu schlagen.“

Die Bahnen des MGC Murnau kennen Böhm und Wagener natürlich wie ihre Westentasche. Die Bahnen anderer Clubs müssen vor den Turnieren erst gelesen werden. Wie ist der Untergrund beschaffen? Welcher Ball ist geeignet?

Die nötige Konzentration wird im heimischen Club geübt. Mit dabei ist heute Wageners Sohn Tobias. Auch der Zehnjährige ist schon ein ambitionierter Minigolfer und spielt in der Jugendmannschaft des Clubs. Die Langbahnen sind nicht so Tobis Ding. Bei zwölf Metern muss man über die Bande spielen, um den Ball ins Ziel zu bringen. Tobi mag lieber die kleinen Eternitbahnen, „da kann man mehr Asse machen, das ist viel spannender und lustiger“, sagt er.

Kinder wie Tobi sind eine Seltenheit im Murnauer Club. Obwohl der deutsche Minigolf-Sportverband auf seiner Homepage von 20 Millionen passiven Golfspielern in Deutschland berichtet, tauschen nur wenige Kinder und Jugendliche den Fußballplatz gegen die Minigolfbahn ein. So könnte es sein, dass den Minigolf-Jugendmeisterschaften bald die Teilnehmer ausgehen. Tobi jedenfalls hat keinen Freund, der mit ihm Minigolf-Asse schlägt. Seine Freunde trifft er auf dem Fußballplatz.

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