Ein Scheintod kommt selten allein

von Redaktion

Um 1800 entsteht in Bayern und Europa eine Sterbe-Hysterie

Kleine Gruselgeschichte gefällig? 1791 wurde der Pfarrer Gilch bei Roth in Mittelfranken begraben, „ohne dass man die gehörige Zeit abgewartet hatte“, wie „Der Bayerische Landbote“ damals schrieb. Verschiedene Personen, die seinem Grabe nahe gekommen seien, hätten von „Getöse darin“ berichtet. Also habe man den Sarg wieder geöffnet. „Der Leichnam des Pfarrers lag nun auf dem Bauch. Unstreitig war er auf kurze Zeit lebendig geworden und hatte vergeblich versucht, seinem Gefängnis zu entkommen.“ Meldungen wie diese kamen vor rund 200 Jahren immer wieder vor. Ihr Wahrheitsgehalt? Eher unklar.

Fest aber steht: „Um 1800 begannen die Gelehrten, die Eindeutigkeit des Todes in Zweifel zu ziehen“, sagt Marion Ruisinger, Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt. „In ganz Europa hatten Menschen Angst davor, lebendig begraben zu werden – bald entstand eine regelrechte Hysterie um den ,Scheintod‘.“

Zu diesem Thema zeigt das Museum nun eine Sonderausstellung: „Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“ läuft bis 13. September 2020.

Als Initialzündung gilt eine Veröffentlichung von 1742, wie Raik Evert vom für die Schau verantwortlichen Ausstellungsbüro erläutert: „Damals gab der französische Arzt Jacques-Jean Bruhier ,Ungewissheit der Kennzeichen des Todes‘ heraus.“ Er habe eine lateinische Doktorarbeit ins Französische übersetzt und so für eine breite Leserschaft erschlossen. „Zudem versuchte er, den menschlichen Scheintod auch aus der Tierwelt herzuleiten – mit Verweis etwa auf die Winterstarre von Kröten.“

Die Ausstellung in Ingolstadt beginnt recht harmlos. Sie zitiert einen Experten von damals mit einem Rat zu sanfter Gewalt auf pflanzlicher Basis: „Das Mittel nun besteht in einer Geißelung oder Auspeitschung des Verunglückten. Die Geißelung hat den Vorzug, daß sie von Jedermann am ersten besten Platze angewandt werden kann, am allerbesten mittelst einer handvoll Brennnesseln.“ Ferner wartete man in eigens erbauten Leichenhäusern bis zur Fäulnis auf ein Lebenszeichen aufgebahrter Verschiedener; die erste solche Einrichtung entstand 1791 in München.

Doch es gab auch rabiatere Methoden zur Bewahrung vor verfrühtem Begräbnis, wie Raik Evert erklärt: „Gezielte Hautverbrennungen sollten den kleinen Funken Lebenskraft wieder entfachen. Eine häufig empfohlene Methode war das Auftropfen von heißem Pech oder Siegellack auf empfindliche Stellen des Körpers.“ Auch in die andere Richtung habe man „falsche Leichen“ verhindert: „Die radikalste Maßnahme, den Tod sicherzustellen, ist der Stich ins Herz.“ Bei entsprechendem Testament hätten Ärzte damit jeden Zweifel ausgeräumt.

Und was, wenn trotzdem plötzlich jemand im Dunkeln wieder die Augen aufschlüge? Dann sollten Beerdigte „Experten“ zufolge eine Schnur an ihrer Hand ziehen. Damit galt es eine Klingel außerhalb des – natürlich extra belüfteten – Grabes zu läuten. Es gab sogar Überlegungen, diese Schnüre mit der nächsten Kirchenglocke zu verbinden.

Modelle solcher Konstruktionen zeigt die Schau. Auf kurzweilige Weise gelangt man so ans Ende der Scheintod-Hysterie, den der medizinische Fortschritt ab 1850 einläutete. Hinzu kam: Die Leichenhäuser und Spezialsärge zeitigten keinen Erfolg – das große Auferstehen blieb aus. CHRISTOPHER BESCHNITT

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