„Wir sind die Prügelknaben der Nation“

von Redaktion

Den Bauern stinkt’s: Zehntausende Landwirte versammelten sich gestern mit ihren Traktoren in Deutschlands Städten, um gegen die aktuelle Agrarpolitik und die fehlende Wertschätzung der Gesellschaft zu protestieren. Allein in München rollten mehr als 1000 Traktoren in die Innenstadt.

VON DOMINIK GÖTTLER

München – Dienstagmorgen an der Münchner Ludwigstraße: Statt der üblichen Edelkarossen parken ganz andere Kaliber am Straßenrand: Vom Odeonsplatz bis zur Münchner Freiheit stehen die Traktoren in Reih und Glied, die Polizei spricht von rund 1000 Bulldogs, die Veranstalter der Bauerndemo sogar von 1500. Die Kennzeichen verraten: Aus ganz Bayern sind die Landwirte mit ihren Schleppern angereist – und sorgten damit rund um München für Verkehrsverzögerungen. An den Frontladern sind Transparente angebracht mit Botschaften wie: „Alle reden über uns, aber keiner mit uns.“ „Ist der Bauer ruiniert, wird das Essen importiert.“ Oder: „Uns reißt jetzt die Geduld, an allem sind die Bauern schuld.“ Die Protestierenden wollen ein Zeichen setzen. Für mehr Wertschätzung in der Gesellschaft. Und gegen die aktuelle Agrarpolitik.

Organisiert haben die Kundgebung weder der Bauernverband noch der Bund Deutscher Milchviehhalter, auch wenn ihre Logos in München immer wieder zu sehen sind. Der Protest geht auf die noch junge Initiative mit dem Namen „Land schafft Verbindung“ zurück, die ihre Unabhängigkeit von den großen Verbänden betont – die Demo-Teilnehmer wurden zu großen Teilen über soziale Netzwerke wie Whatsapp und Facebook mobilisiert. „Wir sind die Basis“, betont Landwirt Georg Mayerhofer aus dem Landkreis Passau, der bei der Kundgebung auf der Bühne spricht und vielen im Publikum noch als „Bauer des Jahres 2017“ in Erinnerung ist.

„Bei uns hat sich etwas angestaut“, ruft er in den Odeonsplatz hinaus. „Wir wollen nicht mehr der Prügelknabe der Nation sein.“ Der Protest sei ein Hilfeschrei der Betriebe, die um ihre Existenz fürchteten. Und das hat aus Sicht der Redner ein ganzes Bündel aus Ursachen: Überbordende Auflagen, zuletzt aus der Düngeverordnung und dem vom Bundeskabinett beschlossenen Agrarpaket. Dazu das geplante Mercosur-Abkommen, mit dem die Landwirte einen höheren Preisdruck fürchten. Die steigenden Ansprüche der Gesellschaft an Tierwohl und Artenschutz. Und das falsche Bild, das die Medien von der Agrarbranche zeichneten. „Ich bin hier, um eine Brücke zu bauen“, betont Mayerhofer. An die Verbraucher gerichtet sagt er: „Solidarisiert euch mit uns!“

München war nicht die einzige Stadt, in der die Landwirte anrollten. Die Hauptkundgebung mit rund 6000 Teilnehmern fand in Bonn statt, aber etwa auch in Berlin oder den bayerischen Städten Bayreuth und Würzburg gab es Protestaktionen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Die Kritik bei den Kundgebungen richtete sich vor allem an Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Eineinhalb Jahre stritten beide, bevor das „Agrarpaket“ mit Glyphosat-Ausstieg, mehr Schutz für Insekten und ein neues Tierwohl-Kennzeichen geschnürt war. Dazu kamen neue Auflagen, um das Grundwasser vor zu viel Nitrat durch Überdüngung zu schützen. Ein Prozess, in dem viele Bauern sich ungehört fühlen.

In München stellte sich Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) den protestierenden Bauern. Sie zeigte in ihrer Rede Verständnis für den Unmut. „Es gibt tausende Themen, die uns erdrücken. Wir brauchen eine Entschleunigung in der Gesetzgebung.“ Bayern habe mit der Umsetzung des Volksbegehrens und dem damit verbundenen Begleitgesetz eine Blaupause für Umweltschutz geschaffen. „Schärfer dürfen die Gesetze nicht werden“, betonte sie mit Blick auf das vom Bund geplante Insektenschutzprogramm.

Die Landwirte auf dem Odeonsplatz reagierten mit vorsichtigem Applaus auf die Rede der Ministerin. Doch die Organisatoren gingen nicht ohne eine Aufforderung. „Heute ist der Tag der Worte. Ab morgen wollen wir Taten sehen.“

Artikel 8 von 11