Wär das schön, wenn wir auch so lange Pausen machen könnten wie der Pausenhof, auch Schulhof genannt. Bis auf zwei kleine Pausen, in denen er laut und stark beansprucht wird, träumt er den ganzen Vormittag in idyllischer Ruhe dahin, und am Nachmittag hat er dann sowieso nichts anderes mehr als Pause.
Im Augenblick aber hat er keine Pause, der Pausenhof, weil sie die Schüler der Grundschule haben. Fröhlicher Lärm dringt über die gediegene Schulhofmauer. Der Maßschneider bleibt am schmiedeeisernen Gittertor stehen und späht hinein in diese ausgelassene Welt, die für ihn schon längst verschlossen ist, aber durch das Zauberwort Erinnerung doch noch grüßen lässt. Kreuz und quer rennen und purzeln die Jahrgänge durcheinander, balgen sich, lachen, kreischen und wiehern, beißen in Äpfel, kauen am Pausenbrot, knabbern an Müsliriegeln. Sogar Gebalze ist schon zu beobachten. Imponiergehabe der künftigen Platzhirsche, Gekicher und Getuschel des Dirndl-Rudels.
Ein Herr Lehrer beaufsichtigt das kleine Chaos, zwickt wohl auch einmal ein Auge, wenn nicht sogar beide zu. Ein bisserl Übermut, ein bisserl Austoben muss erlaubt sein; fördert möglicherweise die Aufmerksamkeit für die nächsten Unterrichtsstunden. Ein Fräulein assistiert dem Kollegen, hält sich aber mehr im Hintergrund, obwohl an ihrem Lehrkörper wirklich nichts auszusetzen ist. Verschwommen steigen Bilder aus der eigenen Schulzeit auf, als ihn ein Klassenspezi mit dem Verserl „Vogerl, Vogerl piep-piep- piep“ um seinen Apfelbutzen bittet. Ja. das waren arme Zeiten! Ein Drittel der Väter arbeitslos, auch bei den andern war der Tisch eher karg gedeckt. Großen Zulauf hatten die Suppenschulen, in der die Ärmsten der Armen verköstigt wurden. Doch schlichen deswegen die Schüler mit hängenden Köpfen durch die Pause? Der fröhliche Lärm, das übermütige Treiben war dasselbe wie heute.
Im Winter funktionierte der Hausmeister einen Teil des Schulhofs in eine Eislaufbahn um, und dann hatte der Pausenhof am Nachmittag keine Pause mehr, wurde von Schlittschuhen der Marke Absatzreißer bekratzt und bekurvt. Auch Tauschgeschäfte waren im Schulhof üblich. Der arme Einserschüler verkaufte seine Hausaufgabe gegen einen Bienenstich (damals kostete das süße Baazgebäck ein Zehnerl), der schwache Rechner handelte sich eine Heftkorrektur gegen fünf kleine Film-Größen ein, die als bunte Bildchen in Zigarettenschachteln steckten und begehrte Sammelobjekte waren.
Jetzt steigen schemenhaft auch noch ein paar Lehrkräfte vom Podest der Vergangenheit. Da ist der Katechet Haselwimmer. Vorsichtig hatte er bei der Erklärung der zehn Gebote zu erforschen gesucht, ob wir schon wüssten, was unkeusch sei. Anders als heute, wo man schon von klein auf vom Fernsehen über Sex und Crime aufgeklärt wird, blieben die Zeigefinger unten. Nur die Schuster Gretl hatte schon eine blasse Ahnung: „Wenn zwei zusammen hinausgehen“, verkündete sie der erstaunt aufhorchenden Klasse.
Ein lang gezogenes Tonsignal tönt aus Lautsprechern über den Hof. Die Pause ist zu Ende. Die Schülerhorde strömt zum Portal, ballt sich dort zu einem Haufen, der sich langsam entwirrt. Als der letzte im Treppenhaus verschwunden ist, löst sich der Maßschneider vom Gittertor und zieht weiter. Auch seine Pause mit Rückblick in den Pausenhof seiner Bubenzeit ist zu Ende. Die Gegenwart hat ihn wieder am Wickel – hoffentlich nicht pausenlos.
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber