Sie hat an der Uhr gedreht

von Redaktion

In der Nacht zum Sonntag werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Christine Rauscher kennt sich mit Zeigern und Ziffernblättern besonders gut aus. Denn ihr Familienunternehmen aus Regensburg ist eines der letzten in Bayern, das noch Turmuhren herstellt.

VON DOMINIK GÖTTLER

Regensburg – Eine unscheinbare Halle in einem Regensburger Hinterhof: Alexander König steht an seiner Arbeitsbank und tunkt den Pinsel in die Dose mit schwarzer Farbe. Großzügig fährt er damit über die barocken Zeiger der Großhöbinger Dorfkirche aus Mittelfranken. Rückseite schwarz. Vorderseite gelb. Erst dann wird vergoldet. Das hat einen Grund. Denn eigentlich hält die Vergoldung viele Jahre. Doch eines verträgt die dünne Edelmetallschicht gar nicht gut: Vögel und ihre Krallen, mit denen sie sich gerne auf den Kirchturmuhrzeigern festzwicken. „Und wir wollen ja, dass die schönen barocken Zeiger trotzdem lange ihre Farbe behalten“, sagt Christine Rauscher und lacht. Womit man sich so alles beschäftigen muss, als Turmuhrenexperte.

Die Firma Rauscher in Regensburg ist einer der letzten Turmuhrenhersteller in Bayern. Wann immer im Freistaat eine Kirche renoviert wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass Ziffernblatt, Zeiger und Co. bei Christine Rauscher und ihrer Familie in der Werkstatt landen. Von der Kirchturmuhr in Inning am Ammersee über die Uhr am Alten Rathaus in Germering bis zur gigantischen astronomischen Uhr am Deutschen Museum in München – sie alle bekamen ihre Streicheleinheiten samt neuem Glanz bei den Rauschers in Regensburg.

Während Alexander König den Pinsel schwingt, werden eine Werkstatt weiter die Ziffernblätter per Hand lackiert und bemalt. Je nachdem, wie viele Farben und Muster dazu verwendet werden, kann so etwas schon mal mehrere Tage dauern. Schließlich muss jede Lackschicht einzeln trocknen. Traditionell wird als Untermaterial für die Ziffernblätter Blech verwendet. „Mittlerweile nutzen wir aber immer häufiger Duroplast“, erklärt Christine Rauscher. Dieser Kunststoff, aus dem etwa auch Feuerwehrhelme gefertigt werden, ist deutlich langlebiger und die Farbe hält besser. „Da muss nur das Denkmalamt mitspielen“, sagt die 50-Jährige.

Hinter Christine Rauscher stapeln sich hunderte historische Zeiger im Regal. Denn auch bei der Restaurierung hat sich ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen. „Während des Wirtschaftswunders in den 60er- und 70er-Jahren wollten alle plötzlich ganz moderne Uhren“, erklärt die Uhrenexpertin. „Mein Vater hat die aussortierten Barock-Zeiger alle gesammelt.“ Jetzt aber findet seit einigen Jahren wieder ein Umdenken statt. „Mittlerweile setzen die Gemeinden wieder mehr auf die Bewahrung des Historischen.“

Die Gemeinden? Ja, tatsächlich sind es häufig die Kommunen, die als Auftraggeber in Erscheinung treten – nicht nur die Kirche. „Die Gemeinden waren in den vergangenen Jahrhunderten für die öffentliche Zeitanzeige zuständig“, erklärt Rauscher. Diese Zuständigkeit ist oftmals geblieben. Als sich die Turmuhren ab dem Ende des Mittelalters nach und nach verbreiteten, waren sie oft die einzige Zeitanzeige im ganzen Dorf. Zunächst hatten sie auch weder Zeiger noch Ziffernblatt, sondern verkündeten nur durch Glockenschläge die Uhrzeit.

Heute sind die faszinierenden alten Werke mit ihren ineinander verschlungenen Zahnrädern nur noch selten in Gebrauch. In den meisten Kirchtürmen ist die moderne Technik mit funkgesteuerten Werken eingezogen. Aber vereinzelt gibt es sie noch, die Traditionalisten. Wie etwa im Landkreis Miesbach in der Wallfahrtskapelle Birkenstein, wo Schwester Eresta seit über 50 Jahren jeden Tag die Turmtreppen hinaufsteigt und das mechanische Uhrwerk aufzieht, das einst der berühmte Uhrmacher Johann Mannhardt geschaffen hat. Und natürlich muss auch so ein historisches Juwel regelmäßig gewartet werden.

Doch nicht nur in Bayern sind Turmuhrenbauer gefragt. So hat die Firma Rauscher zuletzt auch einen Hotelkomplex in Aserbaidschan mit Ziffernblättern, Glocken und einem aufwendigen Figurenlauf ähnlich dem am Marienplatz ausgestattet. Oder die Jacht des mittlerweile verstorbenen Microsoft-Gründers Paul Allen mit einer gigantischen Gitarrenuhr versehen, die über sieben Decks verläuft.

Aber hat man nun als Uhrenmacher ein anderes Verhältnis zur Zeit? „Ach, eigentlich nicht“, gibt Christine Rauscher zu. „Außer, dass die ganze Familie vielleicht etwas schneller redet als andere“, sagt sie und lacht. Und dass auch bei ihr der erste Blick in einem fremden Ort oft erst hinauf zum Kirchturm geht. Berufskrankheit.

Am Montag nach der Zeitumstellung sind bei den Rauschers trotzdem alle greifbar im Büro. Denn auch wenn die Umstellung mittlerweile in den meisten Fällen automatisch erfolgt, kann auch beim Funk mal etwas schieflaufen. „Früher hat mein Vater nach der Umstellung immer früh morgens zum Regensburger Rathaus geschaut, ob die Uhr auch umgestellt ist.“ Vögelfüßchen und Goldschimmer hin oder her, am wichtigsten ist immer noch, dass die Uhrzeit stimmt. Tick, tack.

Artikel 1 von 11