Das Geheimnis von Bayerns Pyramiden

von Redaktion

Michael Völkel ist Feldgeschworener – ein Hüter der Grenzen. Sein Ehrenamt hat ihn derart begeistert, dass er ein Buch über die Vermessung Bayerns geschrieben hat. Eine Geschichte, die so kaum einer kennt.

VON PAULA L. TRAUTMANN

Mit einem Messgerät in der einen und einem Walkie-Talkie in der anderen Hand marschiert Michael Völkel in München-Feldmoching über ein Feld. Erst 250 Meter geradeaus, dann 50 Meter nach links und wieder einen nach rechts. Dann kommt über Funk die Anweisung, zu graben. Völkel beginnt – und stößt direkt vor seinen Füßen auf einen Grenzstein. „Da war ich natürlich überrascht und ergriffen, wie das gehen konnte.“ Siebeneinhalb Jahre ist das jetzt her. Es war sein erstes Erlebnis als Feldgeschworener. Seitdem ist der 73-Jährige bis zu drei Mal die Woche unterwegs.

Das Feldgeschworenenwesen hat in Bayern eine jahrhundertelange Tradition. Feldgeschworene hüten die Einhaltung von Grundstücksgrenzen. Sie setzen und versetzen Grenzsteine, ersetzen beschädigte Vermessungspunkte oder setzen neue. Dabei graben sie nur ihnen bekannte Zeichen aus Metall, Glas oder Ton auf eine bestimmte Weise mit ein – und erkennen so, ob jemand heimlich einen Grenzstein versetzt hat. Und weil das alles so geheim ist, müssen Feldgeschworene einen Verschwiegenheitseid ablegen. Nur in Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen gibt es das Ehrenamt noch. Ende 2016 wurde es zum immateriellen Kulturerbe erhoben. Über 20 000 Feldgeschworene gibt es in Bayern.

Dass der Münchner Michael Völkel Feldgeschworener wurde, war Zufall. Als der Reproduktionsfotograf in Rente ging, erstellte er eine Liste. „Ich habe aufgeschrieben, was ich schon immer machen wollte, wofür ich aber keine Zeit hatte“, erzählt er. Völkel war Statist in einem Film, machte Segway-Stadtführungen in München.

Dann entdeckte er eine Anzeige, in der eine Vermessungshilfe gesucht wurde. „Im Amt wurde mir gesagt: Es tut uns leid, aber Sie sind zu alt dafür. Ich war im besten Alter mit 65“, erinnert er sich lachend. Ihm wurde eine Stelle als Feldgeschworener vorgeschlagen. „Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das ist. Sie haben dann gesagt, ich soll mit einem Trupp rausfahren und mir das ansehen.“

Die Arbeit faszinierte Völkel. Er begann, sich tiefer mit dem Thema Landvermessung in Bayern zu beschäftigen – und beschloss, ein Buch darüber zu schreiben. „Warum es auch in Bayern Pyramiden gibt“, heißt das Werk.

Schuld sind die Franzosen, genauer gesagt Napoleon. Der Feldherr gab den Auftrag zur Vermessung Bayerns. „Er hat Karten gebraucht, damit er seine Kriege führen und schnell nach Österreich kommen konnte“, erklärt Völkel Napoleons Plan. Frankreich war zu dieser Zeit das am besten vermessene Land und Napoleon habe seine besten Leute nach Bayern geschickt. „Und was haben die Bayern gesagt? Mia san mia, wir brauchen keine Franzosen. Die waren halt damals schon stur“, sagt Völkel. Franzosen und Bayern stritten sich nämlich um die Maßeinheit. Während die Franzosen den Meter verwendet haben, wurde in Bayern mit der Rute gemessen. Eine Rute waren 2,92 Meter. Die Parteien standen sich unversöhnlich gegenüber. Schließlich wandte sich der französische Delegationsleiter an den Kurfürsten Max IV. – und letztlich siegte der französische Meter. Damit war Bayern nach Frankreich das zweite Land der Welt, das mit Metern gemessen hat.

Das Buch lebt von Anekdoten. Auf 104 Seiten erzählt Völkel, wie der zuständige Oberst einen schön verzierten und repräsentativen Tisch forderte und doch nur einen normalen bekam. Wie vergessen wurde, die Messpunkte zu vermarken, sodass diese später nicht mehr gefunden wurden. Oder wie sich die Bürger weigerten, ihren Besitz abzumarken und ihnen mit Haft und sogar Exekution gedroht wurde. Das Buch liefert auch Hintergründe über den Einmarsch des französischen Heeres in Bayern, Messgeräte wie den Bordakreis, über spezielle Messtische mit Lotgabeln oder das Steindruck-Verfahren, mit dem die Karten angefertigt wurden.

„Ich bin kein Wissenschaftler, ich bin Quereinsteiger. Ich wollte es allgemein verständlich halten“, erklärt Völkel. Dazu tragen auch die vielen Bilder und Karten bei. Völkel stöberte in Antiquariaten und Büchern, recherchierte im Amt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, sprach mit Fachleuten. Lachend erzählt er: „Ich habe mich mit jemandem im Vermessungsamt angefreundet – den habe ich ausgequetscht wie eine Zitrone!“

Die Motive hat er teilweise selbst fotografiert, wie beispielsweise die beiden Pyramiden an den Anfangs- und Endpunkten der sogenannten Basislinie. Sie beginnt in Oberföhring und endet in Aufkirchen. Exakt 21 653,8 Meter ist sie lang. Die Linie war der Ausgangspunkt für die Messungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals wurden hölzerne Messstege verwendet, die wiederum auf höhenverstellbare Stative gelegt wurden (Bild oben). Diese Messlatten wurden aneinandergereiht, um so die Basislinie zu erhalten. Das Gelände war nicht immer eben, manchmal wurden sogar Brücken gebaut, um die Latten zu stabilisieren. Die Exaktheit der Messung hat den Autor am meisten überrascht: „Dass die Menschen das mit ihren einfachen Holzlatten damals so genau geschafft haben. Nur 70 Zentimeter Fehler auf 21 Kilometer.“

Als die Basislinie stand, musste das sogenannte Hauptdreiecksnetz mithilfe eines geodätischen Verfahrens erstellt werden – der Triangulierung. Dabei werden zwei Winkel eines Dreiecks gemessen, um so die Längen der anderen Dreiecksseiten zu ermitteln. So bildete sich nach und nach das Hauptdreiecksnetz. Heutzutage wird natürlich anders gemessen als zu Napoleons Zeiten – mit Satelliten und GPS. Deshalb arbeiten Feldgeschworene eng mit den Vermessungsämtern zusammen.

Dass sein Buch kein Bestseller wird, ist Völkel klar. „Es handelt sich um eine Nische in der Nische. Hätte ich einen Renner gewollt, hätte ich einen Krimi schreiben müssen.“ Er habe das Buch auch für sich selbst geschrieben, sagt der 73-Jährige stolz: „Ich wollte ein Buch, das in einem Laden steht und jeder kaufen kann. Das ist mir gelungen.“

Völkel schrieb das Buch einfach, machte Papierausdrucke davon. „Damit bin ich zu einer Freundin, die kunsthistorische Bücher schreibt. Sie hat ihrem Verleger den Ordner gegeben – und der hat sofort zugesagt. Es hat zwar noch einen Kampf gegeben, weil er das Buchformat kleiner haben wollte, aber dann hätte man die Karten nicht mehr gesehen.“ Eineinhalb Jahre hat er für das Buch gebraucht. Die Lust habe ihn aber nie verlassen. „Wenn ich mich mal in etwas verbeiße, wird das durchgezogen“, sagt er. Allerdings gab es auch Phasen, in denen er sich eine Pause gegönnt hat. „Eine Woche habe ich durchgearbeitet und dann erst einmal gar nichts gemacht. Jeden Tag dasitzen geht nicht.“

„Warum es auch in Bayern Pyramiden gibt“ wird nicht sein letztes Werk sein. Derzeit schreibt Völkel an einem Buch über die Frührenaissance in Italien. Dafür unternimmt er viele Reisen. „Ich bin gerade erst wieder in Italien gewesen, fotografiere viel in Museen.“ Die Recherche sei hart. „Das ist ein Fass ohne Boden, ein Thema ohne Ende.“ Er selbst spricht kein Italienisch, sein Bruder hilft ihm deshalb. „Er ist für mich der klügste Mensch der Welt“, sagt Völkel.

Der Feldgeschworene, Fotograf und Autor ist alles andere als ein normaler Rentner. Über sich selbst sagt er: „Langweilig wird mir nie. Manche Leute gehen in Rente und vormittags sehen sie zum Fenster raus und nachmittags sitzen sie vor dem Fernseher.“ Für Michael Völkel unvorstellbar: „Bei mir ist laufend Action!“

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