Der Pathologe Andreas Nerlich hat schon viel erlebt, aber das hat ihn doch verblüfft: Als sich im Herbst 2011 in der Familiengruft eines ausgestorbenen bayerischen Adelsgeschlechts südlich von Ingolstadt der Deckel eines Kindersarges öffnet, blickt er ins Gesicht eines vor 200 Jahren verstorbenen wuscheligen Blondschopfes, „als wäre die Kleine soeben aus dem Schlaf erwacht und hätte den Kopf geschüttelt“. Einen so perfekt erhaltenen und dabei so alten kleinen Menschenkörper hat er noch nie gesehen.
Der lange Schnitt über dem Bauch zeigt dem Fachmann: der Leichnam wurde professionell einbalsamiert. Aber warum? Letzte Woche hat Nerlich an seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus München-Schwabing vor geladenen Gästen seine Erkenntnisse aus acht Jahren akribischer Forschung präsentiert, die man auch als Buch nachlesen kann („Prinzessin Wackerstein: Geheimnisse einer bayerischen Kindermumie“, Konrad Verlag).
Nerlich hat schon mehr als 1800 Mumien auf dem Tisch gehabt, vorwiegend alte Ägypter, auch den Gletschermann „Ötzi“. Ein ausgefallenes Hobby, das nicht nur seine ganze berufliche Expertise erfordert, sondern auch detektivischen Spürsinn.
Carolina von Jordan hat ihren zweiten Geburtstag nicht erlebt. Röntgenuntersuchungen, Computertomografie und ein Kernspin ergeben ein unregelmäßiges Knochenwachstum und frühe Schädigungen der Nieren. Die Forscher finden einen Spulwurm in den Eingeweiden, die „wie gestern erst entnommen“ in einem Metallgefäß am Fußende ihres Sarges in Alkohol eingelegt sind. Ein Mikroparasit hat ihre Abwehrkräfte zusätzlich geschwächt. Obwohl gut ernährt, wird die Baroness am 24. Juli 1816 von einer Lungenentzündung dahingerafft. In Neapel.
Noch elektrisierender als der medizinische Befund sind die Ergebnisse Nerlichs historischer Recherchen in Archiven, Kirchenbüchern und Briefen. Da macht ein junger, gut aussehender protestantischer Preuße im bayerischen Militär zur Zeit Napoleons eine atemberaubende Karriere vom unbezahlten Unterleutnant zum Generalmajor. Er erwirbt sich die Gunst von König Max I. Joseph, heiratet eine Hofdame und bringt es rasch zu Wohlstand.
Warum aber verheimlicht das Paar seine Hochzeit, warum reist es zur Geburt des ersten Kindes ins Ausland und verschleiert auch noch den Entbindungstermin? Wie im Krimi muss bei der Auflösung manchmal „Kommissar Zufall“ helfen. Bei der kleinen Carolina sind es die Memoiren des Heinrich Levin Graf von Wintzingerode (1778-1856), der zwischen 1809 und 1810 als Botschafter Württembergs in München weilt. Der Gesandte schreibt von recht lockeren Sitten, und dass auch Max I. Joseph kein Kind von Traurigkeit gewesen sei.
Der Graf hat auch festgehalten, wie der König seinem Adjutanten Wilhelm von Jordan eines Tages vorhielt, einer Hofdame ein Kind gemacht zu haben, weshalb er sie nun heiraten müsse. Jordan äußerte aber Zweifel an seiner Vaterschaft. Die bezog der Monarch auf sich und beteuerte nun seinerseits, „daß er mit dem Fräulein länger als ein Jahr nichts mehr gehabt habe“. Ehrenwort hin oder her – zumindest kann der König die Zeugung wohl nicht ausschließen. Aus diesen Umständen erwächst ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Wilhelm von Jordan ehelicht Violante von Sandizell, die Affäre des Königs, mit der er aber selbst schon seit vier Jahren verlobt ist. Er bringt die Schwangere postwendend aus der Schusslinie des höfischen Klatsches. Dafür erhält er einen bayerischen Adelstitel und einen lukrativen Gerichtsstand. Auch später greift der Monarch für Jordans Familie noch mehrfach tief in die Kasse.
Das erklärt für Nerlich auch die kostspielige Einbalsamierung der Baroness in Süditalien samt umgehender Rückkehr nach Bayern. Nach dem unerwarteten Verlust ihres „Faustpfandes“ wollen Wilhelm und Violante den präparierten Leichnam als „Erinnerungshilfe“ im Falle finanzieller Not nutzen. Als eine Art Rentenanspruch also.
Vielleicht war aber Max I. Joseph wirklich der Vater und die beiden setzten gegen ihn – wenn auch mit ungewöhnlichen Mitteln – nur berechtigte Ansprüche durch? Das kann der Pathologe ausschließen. Ein gerichtsmedizinischer Abgleich des Genprofils aller in der Familiengruft Bestatteten zeigt: Die kleine Carolina war der Spross des flotten Gardeoffiziers, „zu 99,9997 Prozent“.
CHRISTOPH RENZIKOWSKI