Die Buchführung der Schicksale

von Redaktion

München – Für Mütter, Väter oder Ehepartner können es Jahrzehnte der Qual sein, der Ungewissheit und des Zweifels: Jedes Jahr verschwinden in Bayern tausende Menschen. Meist tauchen diese Vermissten wieder auf, manchmal klärt sich der Fall auf schreckliche Weise durch das Auffinden einer Leiche. Doch immer wieder gibt es über Jahrzehnte keine Gewissheit, was aus den geliebten Menschen geworden ist, die von ihren Angehörigen als vermisst gemeldet wurden.

Das 1946 gegründete Bayerische Landeskriminalamt führt eine zentrale Nachrichtenstelle für Vermisste, unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen. Dort wurden bis 1988 alle Fälle dieser Art schriftlich in Büchern aufgelistet – seit 1988 geschieht das digital. Auch die Vermisstenbücher aus der Zeit vor 1946 wurden dort verwahrt. Während die Ermittlungsakten zu den Fällen separat verwaltet werden, wurde in den Büchern akribisch notiert, was mit den Menschen passierte.

Allein 1983 wurden 6420 Menschen als vermisst gemeldet, im gleichen Jahr wurden davon über 98 Prozent der Fälle geklärt – 218 waren tot aufgefunden worden, 820 Fälle seit 1945 waren ungeklärt. Die Anzahl an Vermissten steigt immer schneller: 2018 notierten die Ermittler schon 11 000 Fälle. „Die meisten Vermissten werden lebend wiedergefunden, einzelne Fälle enden tragisch“, berichteten die Archivare. Die Bücher wurden im August ans Hauptstaatsarchiv übergeben, wo sie für wissenschaftliche Zwecke oder bei berechtigten Interessen von Angehörigen zur Verfügung stehen.

Eines der Schicksale, die die Vermisstenbücher bergen, ist das von Theresia Tamara Teodorovitsch: Die 19-Jährige war am 30. Mai 1959 von ihrer Mutter bei der Münchner Polizei als vermisst gemeldet worden. Die Tochter war am Vorabend nicht nach Hause gekommen, am Tag ihres Verschwindens hatte sie noch 70 Mark Monatslohn als Bürogehilfin bekommen. Die Mutter gab an, dass ihre Tochter keine Selbstmordabsichten oder Kummer gehabt habe. Man nahm sogar einen Agentenmord an, da Theresia beim Institut zur Erforschung der UdSSR arbeitete, wo ihre Eltern herstammten. Sie bediente auch in Schwabinger Kneipen und wollte zum Film, hatte sogar eine Rolle in „Der Arzt von Stalingrad“ bekommen, wurde aber ausgebootet. Am 6. Juni 1959 wurde ihre Leiche nördlich der Wittelsbacherbrücke in der Isar gefunden. Bei der Obduktion wurde Ertrinken als Todesursache festgestellt. Im Vermisstenbuch steht: „Selbstmord“, ein rotes Kreuz wurde hineingestempelt, der Fall galt als abgeschlossen und wurde durchgestrichen.

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