Dachau – Manchmal kann Björn Mensing dabei zusehen, wie die Erinnerungen zurückkehren. Es ist 2006, er steht mit Martin Kieselstein und dessen Frau im Dachauer Gasthaus Zieglerbräu – und spürt, dass der 80-Jährige gerade ganz andere Szenen vor seinen Augen sieht als er selbst. Kieselstein war während der NS-Zeit Häftling im KZ Dachau und musste Zwangsarbeit in der Großküche leisten, in der damals für Arbeiter einer Rüstungs-Organisation gekocht wurde. Kieselstein weiß, dass ihm diese Arbeit wohl das Leben gerettet hat, denn er konnte heimlich Küchenabfälle essen. Und dennoch kam er dem Tod damals häufig so nahe, dass er bis ins hohe Alter Bilder malte, um diese Zeit zu verarbeiten.
Über diese Bilder hat Björn Mensing von seiner Geschichte erfahren. Er ist seit wenigen Monaten Pfarrer an der Versöhnungskirche – Kieselstein ist einer der ersten Überlebenden, die er zu einem Zeitzeugengespräch einlädt. Es dauert eine Weile, bis er die Zusage bekommt. „Seine Frau Eva ist ebenfalls Holocaust-Überlebende und hatte sich geschworen, nie wieder deutschen Boden zu betreten.“ Schließlich überlegt sie es sich doch anders und fliegt mit ihrem Mann von Jerusalem nach Dachau. Sie will bei ihm sein, wenn er wieder das KZ-Gelände betritt.
Björn Mensing kennt Kieselsteins Lebensgeschichte noch in allen Details. Obwohl er in den vergangenen 14 Jahren so viele weitere Schicksale kennengelernt hat. Vielen Überlebenden fiel es unsagbar schwer, nach Dachau zurückzukehren, erzählt er. „Ich hoffe immer, dass die Zeitzeugen gut abwägen, ob sie bereit dafür sind. Mit jeder Einladung ist eine große Verantwortung verbunden.“ Für alle seine Gäste nimmt er sich viel Zeit, begleitet sie zurück an die Orte von damals, wenn sie das möchten. „Viele Überlebende sprechen erst im hohen Alter von der Zeit, in der sie verfolgt oder inhaftiert wurden.“ Und viele seien sogar dankbar, dass zu den Zeitzeugen-Abenden meist nur ein paar Dutzend Zuhörer in den Gesprächsraum der Versöhnungskirche kommen. Diese vertrauliche Atmosphäre ohne Mikrofon und Bühne macht es ihnen nach Mensings Erfahrung oft leichter, noch einmal in die Vergangenheit zu reisen.
Er hat nicht viele Überlebende weinen gesehen, erzählt er. „Es sind eher ihre Angehörigen, die hier von den Gefühlen überwältigt werden.“ Trotzdem betont er immer wieder: „Berichten können nur die, die eine Form gefunden haben, um ihr Leben nach dem KZ zu meistern. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das vielen Überlebenden nicht gelungen ist.“
Mensing hat in den vergangenen 14 Jahren viele Zeitzeugen kennengelernt, zu denen Freundschaften entstanden sind. Und von vielen erreichte ihn irgendwann die Nachricht, dass sie gestorben sind. Der Kreis derer, die von der Verfolgung während der NS-Zeit aus eigener Erfahrung erzählen können, wird seit Jahren immer kleiner. Die meisten Überlebenden sind inzwischen über 90. Die Erinnerungsarbeit verändert sich – das hat Mensing schon lange erkannt.
Vor einigen Jahren gab es mal eine Zeit, als der Kreis der Zuhörer sehr überschaubar war, erinnert er sich. Das habe sich aber inzwischen wieder geändert. „Ich habe den Eindruck, dass vielen Menschen bewusster wird, wie wertvoll es ist, Zeitzeugen noch begegnen zu können.“ Häufig sitzen nun auch Jugendliche unter den Zuhörern. Das ist auch ein wenig Mensings Verdienst. Er spricht ganz bewusst Jugendgruppen oder Schüler an und fragt sie, ob sie die Zeitzeugen-Abende mitgestalten würden. Zum Beispiel mit Musik. Dann sitzen an diesen Abenden auch oft Jugendliche unter den Zuhörern – und die wiederum erzählen ihren Freunden von den Gesprächen.
„Wir müssen neue Wege und Formen finden, die Geschichten der Überlebenden zu transportieren“, sagt Mensing. Manchmal gelingt es ihm, auch an den Berufsschulen Zeitzeugengespräche zu organisieren. Und immer häufiger gibt es nun auch szenische Lesungen aus Original-Quellen. Einmal hat eine Gruppe holländischer Jugendlicher ein Theaterstück über Homosexualität im KZ in Dachau aufgeführt – und alle Zuschauer zu Mitwirkenden gemacht. Auch so etwas wird es künftig vielleicht häufiger geben, könnte sich Mensing vorstellen. Gute Filme könnten einen größeren Kreis erreichen, glaubt er.
Zu seinen Aufgaben als Pfarrer der Versöhnungskirche gehört es auch, Schulklassen über das Gelände zu führen. Dabei erzählt er nicht nur die Fakten – sondern vor allem von einzelnen Schicksalen. „Mein Ziel ist es, dass die Jugendlichen danach zwei Häftlinge vor Augen haben.“ Wie intensiv der Zugang zur Geschichte über Lebensgeschichten ist, hat er schließlich selbst oft genug erfahren.
Martin Kieselstein, sein erster Gast, ist vor vier Jahren mit 89 gestorben. Er hatte der Versöhnungskirche eines seiner Bilder geschenkt. Mensing geht täglich daran vorbei auf dem Weg zu seinem Büro. Doch auch ohne das Bild würde er Kieselstein und dessen Geschichte nicht vergessen. Er hat ihn und seine Frau oft in Jerusalem besucht. „Sie sagte mir, dass es ihr damals sehr geholfen hat zu kommen. Weil sie ein anderes Deutschland kennengelernt hat.“ Dieser Satz hat Mensing wieder einmal gezeigt, wie wertvoll die Zeitzeugengespräche sind. Für die Zuhörer – und die Überlebenden.