Als unser Redakteur Dirk Walter noch studierte, hat ihn die DDR kaum interessiert. Dann kam der Mauerfall plötzlich im Fernsehen – und Walter fuhr mit Freunden in einem alten Golf zum Spontan-Trip nach Berlin. Der nachfolgende Text ist schon einmal, vor fünf Jahren, in unserer Zeitung erschienen – aber sozusagen als zeithistorisches Dokument nach wie vor gültig.
Die DDR war stockfinster. Wahrscheinlich Stromknappheit, jedenfalls funzelten die Städte in der Ferne nur vor sich hin, als wir vier Studenten in einem alten roten VW Golf nach Berlin fuhren. Zwölf Stunden lang im Dauerstau. Es war ein spontaner Ausflug zum Mauerfall, damals in der Nacht des 9. November 1989.
Tiefschwarze Dunkelheit also auf der DDR-Autobahn. Was auffiel: endlose Autokolonnen, deren Scheinwerfer bis weit ins Hinterland leuchteten. Am Grenzübergang an der A 9 hatte es noch eine Kontrolle gegeben. Den Personalausweis hatten wir mit, aber aus unerfindlichen Gründen mussten Passbilder auf irgendein Dokument geklebt werden. Schlangen am altersschwachen Automaten, der aber wie gewünscht mehrere Bilder ausspuckte – grässliche Fotos. Und weiter ging’s. Endloser Stau auf der Autobahn. Wir stiegen auch mal aus. Ging ja eh nicht voran. Man hörte es sächseln. Vorne Trabi, hinten Trabi, wir mittendrin.
Es war eine Fahrt nach Terra incognita. Die DDR war uns 20-jährigen Jung-Studenten damals so fern wie nur irgendetwas. Sie interessierte einfach nicht. Ich erinnere mich an das Bonmont eines Journalisten damals, der schrieb, die DDR sei nicht zum Fürchten – sie sei ja froh, dass ihr niemand was tue. Das liest sich heute im Wissen um die Stasi-Opfer und die entsetzlichen Schikanen seltsam, traf aber wohl die damalige Einstellung derjenigen, die den Mauerbau nicht selbst miterlebt hatten. Was uns damals in Atem hielt, waren ganz andere Dinge. Etwa die Demos gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, über die wir Schüler am Gymnasium die Lehrer in endlose Diskussionen verwickelten. Da drohte doch der Atomstaat, begriffen die denn das nicht? Ich will nicht ausschließen, dass unter meinen Banknachbarn auch einige waren, die mit Steinen oder den berüchtigten Zwillen gegen den „Polizeistaat“ (so hieß das damals) ankämpften. Verhaftet wurde freilich niemand. Die WAA war dann aber zu Jahresbeginn 1989 offiziell von der CSU abgesagt worden. Nun ja. Über die WAA regte man sich damals jedenfalls auf. Nicht über die DDR.
Es war dann beim zufälligen Abendessen in der Münchner Studenten-WG, als am Abend des 9. November irgendjemand den Fernseher einschaltete. Gegen 19 Uhr hörten wir in der live übertragenen Pressekonferenz den DDR-Funktionär Schabowski. Irgendwas von Privatreisen ohne Voraussetzungen sagte der Mann. Es klang verschwurbelt, aber man wusste sofort, was das bedeutete: Man konnte jetzt einfach durchfahren in die DDR. Berlin war offen, die Mauer plötzlich durchlässig. Oder wurde sie schon abgerissen? Das klang spannend, Geschichte live. Muss man noch erklären, wieso wir jungen Geschichte-Studenten sofort da hinwollten? Währenddessen kochte in der Küche ein Spaghetti-Topf fröhlich vor sich hin und geriet in Vergessenheit, bis irgendjemand ihn dann doch abgoss. Aber zum Essen war jetzt eh keine Zeit – der Entschluss war gefallen: Wir fahren nach Berlin. Kommilitone Götz hatte den roten Golf von seinen Eltern. Er hatte wohl schon 200 000 Kilometer auf dem Tacho. Aber er schnurrte wie eine Eins.
An Wiedervereinigung dachte damals niemand, die historische Situation schien offen. Niemand wusste, was wird. Die allermeisten dachten wahrscheinlich, dass die DDR in reformierter Gestalt irgendwie weiterexistieren würde. Das erklärt auch, warum an der Mauer Junge und Alte, Linke und Rechte, einhellig werkelten. Von Nationalismus keine Spur. Deutschlandfahnen sahen wir nicht. Irgendwann am Vormittag des 10. November standen wir an der Mauer auf West-Berliner Seite. Ein Punker stand da mit einem schweren Stein in beiden Händen, den er unablässig gegen die Mauer pfefferte. Andere hatten Hämmer dabei. Wir selber blieben passiv, wir hatten ja kein Werkzeug.
Schon entstanden zwischen den einzelnen Mauerelementen größere Spalte, durch die man durchgucken konnte. An anderer Stelle wurden die mit Eisenarmierung befestigten Mauerstücke an Ketten gehängt und mit Baggern umgebogen. Nicht weit weg von uns standen mitten in der Menge Polizeitransporter. Auf einen war der damalige ZDF-Moderator Ruprecht Eser geklettert und begann mit einer Live-Schalte – kaum zehn Meter von einer Kette Volkspolizisten entfernt, die teilnahmslos möglichst nicht zu uns rüber-guckten und passiv die Zerbröselung der Mauer hinnahmen.
Es war eine friedliche Stimmung. Viel Lachen. Fast Euphorie. Damals jedenfalls noch. Als ob eine andere Zeit angebrochen sei. Der Mauer-Trip dauerte genau einen Tag. Wir übernachteten bei einem entfernten Bekannten irgendwo in Berlin. Schnell war uns die Stadt zu eng. Überall Menschenmassen. Furchtbar. Wir besuchten noch den Polenmarkt – Händler boten auf einem riesigen, schlammigen Gelände Flohmarkt-Krimskrams an. War aber auch nichts Gescheites. Dann fuhren wir wieder heim – in ein verändertes Land. DIRK WALTER