Der Freistaat verliert seine Alleen

von Redaktion

Noch hat Bayern den bundesweit drittgrößten Alleen-Bestand – doch das könnte sich ändern. Immer mehr Baumreihen werden abgeholzt, nicht alle werden nachgepflanzt. Ob die Straßen ohne Alleen aber wirklich sicherer sind, ist umstritten.

VON FELICITAS BOGNER

München – Sie sind über 100 Jahre alt, haben ausladende Kronen und stehen akkurat nebeneinander: Die Bäume der Lindenallee zum alten Friedhof in Irnsing (Kreis Kelheim) sind ein schöner Anblick. Aber: „Dem Urteil der Baumpflegeexperten nach, ist die Allee nicht mehr zu retten“, sagt Bürgermeister Thomas Reimer (SPD). Fast sechs Jahre wurde darüber diskutiert und gestritten. Die Bäume sind in einem schlechten Zustand, berichtet Reimer. Sie sind von einem aggressiven Pilz befallen. Außerdem sei der Boden zu trocken gewesen und das Streusalz habe die Linden angegriffen. Nun steht der Entschluss fest. „Die Linden werden entfernt, aber es sollen dafür neue Bäume gepflanzt werden,“ sagt Reimer. Geplant ist die Neupflanzung für Herbst 2020. „Wir wollen wieder eine Allee schaffen, die mindestens für die nächsten 200 Jahre Bestand hat.“

Das Problem in Irnsing ist kein Einzelfall. Vielen Alleen in Bayern droht die Säge, immer wird deswegen viel diskutiert – aber nicht immer gibt es eine Neubepflanzung. „Deshalb nimmt der Alleenbestand in Bayern immer weiter ab“, sagt Christine Margraf, die Artenschutzbeauftragte vom Bund Naturschutz, besorgt. „Oft wird pauschal und vorschnell gehandelt“, fürchtet sie.

Seit Juli ist der Schutz von Alleen im Bayerischen Naturschutzgesetz aufgenommen. „Darüber bin ich sehr froh, früher wurden lediglich einzelne Exemplare als Naturdenkmal geschützt“, erklärt Margraf. Doch es könnten viele Ausnahmen erlassen werden, das macht ihr Sorge.

Auch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald will den Baumbestand unbedingt bewahren. Die ökologische Bedeutung von Alleen sei hoch, erklärt Landesgeschäftsführer Simon Tangerding. „Sie dienen als Brücke zwischen Ökosystemen, bieten einen Austausch für die Populationsdynamik und sind dazu auch Lebensraum für viele – teils vom Aussterben bedrohte – Arten.“

Andererseits sehen Kritiker Alleen oft als Gefahr für die Verkehrssicherheit. Der Anteil der Kollision mit Bäumen macht zwar nur 16 Prozent aller Verkehrsunfälle aus. Doch fast die Hälfte aller Autofahrer, die mit einem Baum zusammengeprallt sind, kamen dabei ums Leben. „Wenn Bäume eine Gefahr werden, steht es außer Frage, dass sie entfernt werden müssen“, betont Tangerding. Aber das müsse in jedem Einzelfall genau geprüft werden. „In meinen Augen ist Laub zum Beispiel kein erhöhtes Risiko. Die Fahrer müssen eben ihre Fahrweise an Wetter und Jahreszeiten anpassen.“

Bernd Emmrich ist Verkehrs- und Umweltreferent des ADAC Südbayern. Für ihn hat es Priorität, die Straßen verkehrssicher zu machen. Aber auch er will nicht, dass Alleen abgeholzt werden müssen. „Es gibt diverse Möglichkeiten, Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten und gleichzeitig Alleen als wertvolles landschaftskulturelles Erbe zu erhalten“, betont Emmrich. So könne man die Höchstgeschwindigkeit beschränken und das auch kontrollieren.

Eine weitere Möglichkeit sei es, mit Schutzplanken nachzurüsten. „Hier haben sich jedoch viele Verkehrsteilnehmer beschwert, weil die Leitplanken als optisch störend empfunden wurden“, berichtet er. Es sei in jedem Fall wichtig, immer die individuellen Umstände wie Gefälle, Verkehrsaufkommen oder Gefahreneinschätzungen zu betrachten, um einen Kompromiss zu finden zwischen Baumschutz und Verkehrssicherheit.

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