Kritik an sexueller Diskriminierung

von Redaktion

Experten schlagen Alarm: Noch immer werden in Bayern homo- und transsexuelle Menschen diskriminiert. Bei einer Anhörung im Landtag forderten sie verschiedene Maßnahmen, unter anderem für die Schulen und die Polizei.

VON CLAUDIA SCHURI

München – Die Ehe für alle, das dritte Geschlecht im Ausweis – bei der Gleichberechtigung von homo- bi-, trans-, intersexuellen und queeren Menschen (LGBTIQ) hat sich viel getan. Doch: „Es gibt noch immer ein Diskriminierungsproblem“, kritisierte Hannah Lea, Vorsitzende des Lesben- und Schwulenverbandes Bayern, gestern bei einer Anhörung im Ausschuss für Arbeit und Soziales, Jugend und Familie im Landtag. „Bayern ist das einzige Bundesland, das weder einen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie in Vorbereitung noch umgesetzt hat.“

Mit ihrer Kritik war sie nicht allein: Auch die anderen Experten und Vertreter von LGBTIQ-Organisationen beklagten mangelnde Unterstützung und Beratungsmöglichkeiten. In München und Nürnberg gebe es zwar Angebote, „aber in ländlichen Gebieten ist die Situation höchst problematisch“, berichtete Julia Bomsdorf von der Beratungsstelle des Vereins Lesbentelefon in München. „Wir bekommen Anfragen aus ganz Bayern.“

Die Probleme der LGBTIQ-Personen seien vielfältig, so die Experten. Viele würden zum Beispiel unter Stigmatisierungen im Sport, bei der Pflege und im Arbeitsleben leiden. Aus Angst würden sich ein Drittel der Homosexuellen und bis zu 70 Prozent der Transsexuellen im Job nicht outen, erklärte Steffi Grimm von dem Verein Wirtschaftsweiber.

Schwierig sei es auch für die Schüler: „Die bayerischen Lehrkräfte sind überfordert“, sagte Eva Apfl vom Verein Diversity München. Die Pädagogen seien zwar motiviert, hätten aber oft Probleme, zum Beispiel mit Outings umzugehen. Außerdem fehle ihnen der „Rückhalt von offizieller Seite“. Apfls Forderungen für die Schulen: Queer-Beauftragte, Workshops, eine Änderung des Lehrplans, eine Anpassung der Toiletten an die Bedürfnisse von trans- und intersexuellen Jugendlichen und ein regelmäßiges Aufgreifen der Themen im Unterricht und den Schulbüchern. „Bei Textaufgaben sollen zum Beispiel nicht nur Herr und Frau Müller ein Ei kaufen, sondern auch einmal Frau Müller und ihre Frau“, sagte sie.

Von den Problemen von LGBTIQ-Kindern berichtete auch Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Bastian. Zwölf bis 16 Monate müssten Betroffene häufig auf einen Therapieplatz warten. „In dieser Zeit sind sie nicht versorgt“, erklärte Bastian. „Sie sind oft in einem desolaten Zustand, die Situation ist dramatisch.“ Viele Teenager hätten sogar Suizidgedanken.

Verbesserungen forderten die Experten zudem für LGBTIQ-Geflüchtete: „Sie sind in den Gemeinschaftsunterkünften massiver Diskriminierung ausgesetzt“, berichtet Kai Kundrath vom Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum München. „Täglich hören wir Horrorgeschichten.“ Viele Asylbewerber würden sich nicht trauen, offen über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen – und dann womöglich abgeschoben werden, obwohl sie in ihrer Heimat deswegen verfolgt werden.

Doch auch in Bayern käme es zu Gewalt gegen LGBTIQ-Personen, berichteten die Sachverständigen. Offiziell gab es in fünf Jahren zwar nur 22 Opfer. Aber: „Die Zahl der Fälle, die nicht gemeldet werden, ist unendlich hoch“, erklärte Julia Bomsdorf vom Lesbentelefon. Die Organisationen fordern deshalb feste Ansprechpartner für Betroffene und eine Fortbildung der Polizeibeamten.

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