München – Dass der Ruhestand der evangelischen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler kein ruhiger Lebensabend werden würde, hatte sich schon seit Längerem angedeutet – und hätte auch zu der energiegeladenen Theologin nicht gepasst. Vize der Hanns-Seidel-Stiftung, Mitglied und Vorsitzende in weiteren sozialen Stiftungen, Kolumnistin – und nun bekommt sie auch noch eine ehren- und anspruchsvolle Aufgabe vom Freistaat Bayern. Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der Breit-Keßler nicht erst aus gemeinsamen Zeiten in der Landessynode schätzt, ließ es sich nicht nehmen, zum Empfang anlässlich der Verabschiedung der oberbayerischen Regionalbischöfin in das jüdische Gemeindezentrum in München zu kommen – und er verpflichtete sie zugleich für eine neue Aufgabe. „Ich habe mir schon lange überlegt, wie ich den Schatz Ihrer Fähigkeit für den Freistaat nutzbar machen kann“, sagte er. „Ich kann heute mitteilen, dass der Freistaat zum ersten Mal einen Ethik-Rat einrichten wird und Susanne Breit-Keßler sich bereit erklärt hat, den Vorsitz zu übernehmen“, führte er unter großem Beifall der zahlreichen Festgäste fort. Nicht ohne schmunzelnd anzumerken, dass er sich schon heute vor den kommenden Stellungnahmen „fürchte“.
Denn das wurde in allen Ansprachen und Grußworten deutlich: Susanne Breit-Keßler ist bekannt und geschätzt für ihre pointierten Stellungnahmen. In den 18 Jahren als Regionalbischöfin für München und Oberbayern, aber auch in ihrer publizistischen Tätigkeit nahm sie nie ein Blatt vor den Mund und scheute auch unbequeme Standpunkte nicht. Das machte sie auch in ihrer Abschiedspredigt in der Münchner Lukas-Kirche deutlich, in der sie mehr konkrete Hilfe forderte. Das Zusammenleben in Kirche, aber auch weltweit verglich sie mit einer Familie. Es müsse selbstverständlich sein, sich um Arme, Kranke, Sterbende, Gefangene und Fremde zu kümmern. Gleichzeitig rief sie aber zu Bescheidenheit auf – und warnte davor, sein Handeln zu einer „Super-Ethik“ zu stilisieren, mit der man anderen „als moralischer Besserwisser auf dem Kopf herumtanzt“. Die Welt sei komplex – nicht simpel. Der Landeskirche legte sie ans Herz, den Umgang mit homosexuellen Menschen aufzuarbeiten. „Die Bitte um Vergebung, wo homosexuelle Menschen Ausgrenzung und Verachtung erfahren haben, das muss noch kommen.“
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm dankte Breit-Keßler, die auch 18 Jahre seine Stellvertreterin war, für ihren Dienst „voller Power“: „Du bist eine Pfarrerin, die immer 100 Prozent gibt, manchmal auch mehr.“ Berührungsängste kenne sie nicht. Er wünschte ihr weiterhin ein „tolles, volles Leben“.
Zahllose Vertreter aus Politik, Gesellschaft und den Kirchen drängten sich, um Breit-Keßler zu danken: Innenminister Herrmann, der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein, die frühere Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Herzog Franz von Bayern, (Ober-)Bürgermeister, Landräte, katholische Weihbischöfe und Vertreter orthodoxer Kirchen. Die Hausherrin des Gemeindezentrums, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, grüßte per Video aus den USA, weil ihre Enkelin dort geheiratet hatte. Knobloch betonte, dass Breit-Keßler die enge Verbindung mit der jüdischen Gemeinde ein Herzensanliegen sei. „Mit Ihrem unbeirrbaren moralischen Kompass bleiben Sie uns allen ein Vorbild. Ihr Lebenswerk ist noch lange nicht vollendet.“ Was die neuen Aufgaben eindrucksvoll unterstreichen.