Wenn man bedenkt, welcher Rummel derzeit um eine (notgedrungen unvollständige) Ausstellung der Werke Leonardo da Vincis im Pariser Louvre gemacht wird, dann erstaunt es, wie still es um den Münchner Leonardo ist. Wer sich nicht sonderlich für Kunst interessiert, wird vielleicht gar nicht wissen, dass die Münchner Alte Pinakothek das einzige Ölgemälde Leonardos im deutschsprachigen Raum besitzt.
Sonderlich viele Gemälde hat der Meister – so muss man ihn nennen – ohnehin nicht gemalt: etwa 15 bis 20, schätzt die Wissenschaft; einiges ist unklar, weil (wahrscheinlich) auch Schüler Leonardos ihren Lehrer aufs Haar genau imitierten. So könnte es auch mit dem „Salvator Mundi“ sein, dem vor zwei Jahren in die Vereinigten Arabischen Emirate verkauften 450 Millionen Dollar teuren Gemälde, das heute nirgendwo gezeigt wird – es ist schlicht verschwunden. Vielleicht weil der Urheber doch nicht so klar ist, wie es scheint? Man weiß es nicht.
Zurück nach München, zur „Madonna mit der Nelke“, einem Frühwerk Leonardos ungefähr aus dem Jahr 1475. Da war der Künstler gerade 23 Jahre alt und arbeitete in der Werkstatt seines Lehrers Adrea del Verrocchio. Das Bild im Saal IV der Alten Pinakothek ist fast versteckt, es ist ja mit 62 mal 47,5 Zentimetern nicht gerade groß. Gezeigt wird es ohne Brimborium. Die Pinakothek hat ja viele Schätze, Rubens, Brueghel, Dürer – da will man ein Bild wohl nicht hervorheben.
Und doch ist da etwas Besonderes – so einzigartig, dass es Führungen nur zu diesem Bild gibt. Eine Stunde Erklärung nur zu einem Bild. Man hört dann Details, wie die, dass der Typus der Madonna und die Detailfreude beim Malen des Gewandes auf die Prägung des jungen Malers durch Verrocchio deuten. „Neu ist die konsequente Anwendung von hell und dunkel, um den Figuren eine überzeugende Körperlichkeit und damit Lebendigkeit zu verleihen“, erläutert die Alte Pinakothek. Natürlich ist das Bild mit unendlich viel christlicher Symbolik beladen: Das Christuskind greift nach einer Nelke, Symbol seines Opfertodes und der göttlichen Liebe. Wir lernen an dem Bild auch erste Ansätze von Leonardos Sfumato-Maltechnik kennen – also Konturen nicht scharf zu zeichnen, sondern weich, fast verschwommen.
Wenig bekannt ist die Geschichte des Bildes im Gang durch die Jahrhunderte. Wie das Bild nach Bayern gelangte, ist unklar. Eine Theorie: Vielleicht war es zuerst in Rom, ehe es Landsknechte deutscher Herkunft, die die Stadt 1527 plünderten, mit über die Alpen nahmen.
Eine Kopie des Bildes entstand im 16. Jahrhundert nachweisbar in Augsburg. Danach folgen 300 Jahre ohne Nachweis, wo das Gemälde aufbewahrt wurde. 1889 taucht es im verschmutzten Zustand wieder auf, angeblich kaufte es der Günzburger Apotheker und Arzt Dr. Alexander Haug für nur 22 Mark aus einem Nachlass an und brachte es in die Alte Pinakothek. Der damalige Direktor Franz von Reber und der Konservator Adolf Bayersdorfer erkannten die Urheberschaft Leonardos an. Die Pinakothek kaufte es – zum Preis kursieren verschiedene Angaben. Haug erhielt für seine Verdienste angeblich den Michaelsorden III. Klasse.
München gibt seinen Schatz wohl nie wieder her – nicht einmal leihweise. Denn als in diesem Sommer der Pariser Louvre anfragte, ob er das Gemälde für die große Ausstellung zum 500. Geburtstag des Meisters einige Monate lang bekommen könne, kam aus München ein klares Nein: unverleihbar „aus konservatorischen Gründen“. DIRK WALTER
Führung
Die nächste Führung zu Leonardos Gemälde findet am Donnerstag, 12. Dezember, um 15 Uhr statt (im Eintrittspreis inbegriffen).