„Ein Tag trauriger als der andere“

von Redaktion

Seit vier Jahren wird Seite für Seite das komplette Tagebuch des Münchner Kardinals Faulhaber ediert. Jetzt liegt das Jahr 1937 komplett vor – es dokumentiert Faulhabers Zerrissenheit im Umgang mit Hitler und den Nationalsozialisten.

VON DIRK WALTER

München – Ließ sich Faulhaber zu sehr mit den Nationalsozialisten ein? Suchte er ein Arrangement auch dann noch, wenn es eigentlich klarer Worte bedurfte? Diese Fragestellung kann mit der Lektüre des Tagebuch-Jahrgangs 1937 nun auf neuer Quellengrundlage diskutiert werden. Denn am 21. März 1937 erschien die päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“, in der die zusehens prekäre Lage der Katholiken in Hitlers Diktaturstaat in ungekannter Schärfe verurteilt wurde.

Faulhaber hatte bis dahin eigentlich eine andere Strategie verfolgt. Er hatte Hitler Anfang November 1936 auf dem Obersalzberg zu einer mehrstündigen Unterredung getroffen. Danach zeigte sich der Münchner Kirchenfürst zuversichtlich, durch regelmäßigen Kontakt mit Hitler „Differenzen im Verhältnis von Staat und katholischer Kirche in Zukunft gütlich beilegen zu können“, wie es einer der Bearbeiter des Editionsprojekts, der Historiker Peer Volkmann, formuliert. Hitler war in den Augen Faulhabers – und damit stand er nicht allein – ja eigentlich „gutgläubig“.

Diese Strategie ließ sich aber nicht durchhalten. Denn zum einen verschärfte der NS-Staat trotz der Unterredung den Kampf gegen den Katholizismus. Ordensschulen wurden attackiert und regimekritische Prediger wie etwa der Münchner Pater Rupert Mayer verhaftet – ein Geistlicher, den Faulhaber schätzte und über den er eine Predigt unter dem Titel „Flammenzeichen rauchen“ hielt. Zum anderen wurde ausgerechnet Faulhaber im Januar 1937 bei einer Unterredung mit dem Papst in Rom mit dem Entwurf der Enzyklika betraut. Im Tagebuch lässt sich nachverfolgen, wie das alles auf Faulhaber lastete. „Ein Tag trauriger als der andere“, seufzte er am 27. Februar. „Der Kopf so schwer und was man sieht, es ist alles umsonst.“ Die Verlesung der Enzyklika am Palmsonntag 1937 lastete zusätzlich auf Faulhaber. Denn mutmaßlich der päpstliche Nuntius Pacelli hatte einige Passagen noch verschärft. So lautete die Überschrift nicht „Mit großer Sorge“, wie Faulhaber vorgeschlagen hatte, sondern „Mit brennender Sorge“. Auch die Verdammung der nationalsozialistischen Kirchenpolitik als „Machenschaften von Anfang an“ muss Faulhaber entsetzt haben. Mit Sorge registrierte er, wie das Regime die Enzyklika zum Anlass nahm, weiter gegen kirchliche Einrichtungen vorzugehen. So wurden Druckereien, die den Text vervielfältigt hatten, zur Schließung gezwungen (auch in München) und kirchliche Schulen geschlossen – unter anderem die in Nymphenburg. „Heute die Lage furchtbar gespannt. Das Rundschreiben ein hochverräterischer Angriff“ – so habe es ein Gestapobeamter gesagt, notierte Faulhaber. Er hätte das alles wohl gerne Hitler berichtet, aber das ging natürlich nicht. „Ich kann den Führer (! – so im Original, Anm. d. Red.) nicht sprechen, weil ich natürlich die Vorgeschichte nicht erklären kann, obwohl ich selber darunter leide.“

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