Welle der Hilfsbereitschaft nach Föhnsturm

von Redaktion

Bettina Müller sah ihr Lebenswerk in Trümmern. Der Föhnsturm zerstörte am Freitag ihre Minihaus-Oase bei Ohlstadt. Dann kamen 23 Freiwillige aus ganz Deutschland angereist mit einem Ziel: „Dieses Paradies zu erhalten.“

VON JOSEF HORNSTEINER

Ohlstadt – Und plötzlich flog ihr Kleiderschrank durch die Luft. Ganz lautlos. Lediglich der Sturmwind pfiff in den Ohren von Bettina Müller. Erst beim Aufschlag krachte es. Gewaltig. Auch ihr Pavillon mit weißem Dach schlug in ihre Freiluftküche ein. Tassen schepperten. Gläser zerbrachen. Pfannen und Töpfe donnerten auf den Boden. Dann hob sich das gesamte Dach ihres Schlafzimmers in die Lüfte. Dort, wo sie vor einer halben Stunde noch seelenruhig geschlafen hatte, klaffte jetzt ein großes Loch. Nichts, einfach gar nichts, war mehr auf seinem Platz. Bettina Müllers kleine, beschauliche Welt, mit all ihren Minihäusern, ihrer Freiluftküche, ihrem Gartenhaus, einfach alles, schien in diesen wenigen Minuten zu zerbrechen. Der Föhnsturm am Freitag im Landkreis Garmisch-Partenkirchen hat die starke, unabhängige Frau kurzzeitig ins Wanken gebracht, die sonst alles andere als zimperlich ist.

Als die Autorin und Abenteurerin an diesem Freitag um halb sechs Uhr morgens aufgestanden ist, war ihre Welt noch heil. Sie lebt seit neun Jahren in einem paradiesischen Refugium am Rande der 3200-Seelen-Gemeinde Ohlstadt (Kreis Garmisch-Partenkirchen), wo sie Seminare gibt und die Häuschen auch vermietet. In einer Region, wo manche Doppelgaragen größer sind als anderswo in Deutschland ganze Häuser, hat sich Müller für eine minimalistische und alternative Art zu leben entschieden. Ihr Minihaus beschränkt sich auf wenige Quadratmeter Wohnfläche in einem umgebauten Schiffscontainer. Ohne fließend Wasser, ohne Versicherung. Vier Stunden lang wütete dort der Föhnsturm.

Um ihre vier Pferde und ihr Wohnmobil, ein umgebautes Feuerwehrfahrzeug mit Baujahr 1981, machte sie sich besonders große Sorgen. Die Tiere beobachteten das Chaos um sich herum aber „relativ entspannt“, sagt Müller. Passiert ist ihnen nichts. Ihr Wohnmobil konnte sie gerade noch wegfahren, bevor ein Dach darauf stürzte. „Ich hänge eigentlich nicht an materiellen Gegenständen.“ Aber das Feuerwehrauto zerstört zu sehen, hätte ihr wehgetan: Es ist nämlich ihr Weg in die Freiheit: Sie will am 28. November nach Marokko reisen und dort überwintern. „Ich lebe nur in den Sommermonaten in meinen Tinyhäusern“, sagt sie. Das würden die Behörden noch dulden, auch wenn sie sich mit ihrer gepachteten Wiese bei Ohlstadt „in einer juristischen Grauzone“ befindet, wie Bürgermeister Christian Scheuerer einmal sagte. Das Konzept aber kommt bei vielen Menschen in ganz Europa sehr gut an.

Die Hilfsbereitschaft nach dem Sturm überraschte sogar Müller. „Mich haben weit über 80 Leute angeschrieben“, sagt sie, als sie die Bilder der Verwüstung auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte. Noch am selben Tag sind 18 Menschen gekommen, um ihr beim Aufbau zu helfen. Am Samstag waren es dann 23. „Ich dachte, es ist vorbei hier. Dann kamen so viele“, sagt sie gerührt. Bis zu 400 Kilometer weit reisten die Helfer an.

„Wir müssen dieses Paradies einfach erhalten“, versicherte Helfer Hannes Hibler. Er und seine Mitstreiter entsorgten die kaputten Holzkonstruktionen, bauten die neuen Dächer für die Tinyhäuser, räumten auf. „Ich bin so glücklich über diese unglaubliche Hilfsbereitschaft“, sagt Müller dankbar.

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