Ganz oben, auf dem Gipfel eines Berges. Wenn es so aussieht, als bestünde die ganze Welt aus rauem Fels und sonnenverbranntem Eis. Wer dann den Auslöser seiner Kamera drückt, weiß: Ein Foto schafft es nicht wirklich, diesen Eindruck festzuhalten. Die Bilder in dem Buch „Alpen – die Kunst der Panoramakarte“ (Prestel Verlag, 40 Euro) kommen dagegen nah dran. Obwohl sie nur bedingt was mit der Realität zu tun haben.
Die Panoramakarten, die Tom Dauer aus Valley im Landkreis Miesbach in seinem Buch gesammelt hat, reichen von den 1950er-Jahren bis in die Neuzeit. Dauer, 50, sitzt gerade an dem massiven Holztisch in seiner Küche, trinkt einen Schluck Kaffee, schlägt willkürlich eine Seite auf und fährt mit dem Finger einen Fluss entlang. „Die Kunst ist, es so aussehen zu lassen, wie es aussehen könnte“, sagt der Autor.
Denn jedes einzelne Bild in diesem Buch ist geschummelt. „Manche Berge werden so gedreht, dass man sie von ihrer Schokoladenseite sehen kann“, sagt Tom Dauer. „Andere werden komplett weggelassen und Flüsse einfach dazu gemalt.“ Der Betrachter solle nur eine erste Orientierung, einen Blick auf die markantesten Dinge bekommen. Dass hier und da etwas nicht stimmt, falle niemandem auf – wichtig ist, dass die Bilder schön sind und für Touristengebiete werben.
Es gibt nur eine Handvoll Menschen auf der Welt, die versuchen, die Kulisse eines kompletten Gebirges auf Papier zu bringen. Das Ergebnis, die Panoramakarte, kennt aber so gut wie jeder, etwa wenn man sich beim Skifahren orientieren möchte – an großen Info-Schaukästen oder mit der zusammengefalteten Karte aus der Jackentasche. Bunte Pisten, Skilifte und Hütten ziehen die ganze Aufmerksamkeit auf sich, während die Kunst dahinter in den Hintergrund rückt. So wollen es die Touristenverbände, die solche Gemälde in Auftrag geben und nachträglich selbst die Orientierungspunkte einfügen. Lifte werden dann auf eine Transparentfolie gedruckt und über das Gemälde gelegt. Wird etwas erneuert, tauschen Sie die Folie einfach aus.
In Tom Dauers Buch kann man durch 91 Panoramakarten blättern. Nur ohne die Pisten, Lifte oder Hütten. Einfach das Panorama, von Hand gemalt. Realistisch wirken die Bilder, weil die Künstler trotz ihrer Mogeleien auf kleinste Details achten, erklärt Dauer. Miniaturhäuser, winzige Straßen, einzelne Bäume, mit feinsten Pinselstrichen aufgetupft. „Und das Zusammenspiel der Farben“, sagt er und zeigt auf die Schattenseite eines Berges. „Hier hat der Künstler mit Lila gearbeitet. Das ist natürlich überhaupt nicht die Farbe des Berges, und trotzdem wirkt es stimmig.“ Die Karte stelle das Panorama so dar, wie es der Künstler interpretiert – und würde wohl auch ganz anders aussehen, wenn sie ein anderer Künstler malt, sagt Dauer.
Aus den 50er-Jahren sind die ältesten Panoramakarten in dem Buch, und auch heute noch werden Panoramakarten gemalt. Von den slowenischen Karstalpen bis zur Hochgebirgsregion um den Montblanc führt der Bildband den Alpenkamm von Ost nach West, durch grüne Wanderkarten und weiße Skipisten-Pläne. Grundlage der Karten sind meist mehrere hundert Fotos, die die Maler meist selbst aus dem Hubschrauber aufgenommen haben. 1935 entstand die erste Panoramakarte, als der österreichische Aktmaler Heinrich C. Berann für die Eröffnung der Großglockner-Hochalpenstraße ein „vogelschauartiges Panorama“ malen sollte – und so die neue Kunstform begründete.
Eine Schublade mit echten Panoramakarten hat Tom Dauer nicht. „Die Originale sind überall auf der Welt verstreut“, sagt er. Die einzelnen Touristenverbände hätten für seinen Band Kopien der Gemälde bereitgestellt, erklärt er. Dauer ist kein Sammler, er liebt einfach die Berge. Und das Gefühl, auf dem Gipfel zu stehen.
In einer Einöde bei Valley im Landkreis Miesbach lebt Tom Dauer mit seinem Sohn und seiner Mutter auf dem Taubenberg. Rund 700 Meter Höhe sind zwar nicht sehr hoch, manchmal aber scheint bei ihnen die Sonne, während das Dorf unter einer Nebeldecke liegt. Neben Dauer lebt ein Landwirt mit sieben Kindern, sonst gibt es keine Nachbarn, nur grenzenloses Grün. Dauer hilft oft dabei, die Ställe auszumisten, pflegt die Obstbäume im Garten und hackt im Wald Holz. Aus seinem Küchenfenster sieht man Kühe grasen.
Im Dachboden hat der 50-Jährige eine Kletterwand, im Flur steht eine Metallkiste mit Kletter- und Campingausrüstung bereit. Ein bisschen wirkt das so, als müsste es ganz schnell gehen, wenn Dauer sich zum Beispiel in den Kopf setzt, den Cerro Torre in Patagonien zu besteigen. Schon seine Eltern waren jedes Wochenende mit ihm in den Bergen zum Wandern oder Skifahren, als er noch ein Bub war.
Bis er sieben Jahre alt war, lebte Tom Dauer in Mexiko, danach in München. „Ich habe meinen Vater sehr geliebt“, sagt er, „leider war er sehr oft im Ausland.“ Gemeinsame Zeit in den Bergen, das war Familienzeit. So hat das Tom Dauer bis heute beibehalten, etwa wenn er und sein 13-jähriger Sohn mit dem Mountainbike eine Abfahrt herabdonnern.
Tom Dauer lebt heute lieber auf dem Land als in der Stadt, arbeitet daheim in seinem Arbeitszimmer zwischen hunderten Büchern und Magazinen. Hier schreibt er Zeitschriftenartikel und Bücher. Immer Thema: Berge und Abenteuer. Und Freiheit.
„Die Berge stellen einen permanent vor Entscheidungen“ sagt Tom Dauer. „Rauf oder runter, weiter oder zurück. Wenn man dann oben angekommen ist, weiß man, dass man zumindest eine Zeit lang etwas richtig gemacht hat – weil man sich für etwas entschieden hat. Das ist Freiheit für mich.“ Wenn er ganz oben steht. Auf dem Gipfel eines Berges.