München – Menschenmassen in der Natur, überlaufene Attraktionen und Autokolonnen, die sich über die Straßen schlängeln: Die Frage, wie viele Touristen Bayern verträgt, bewegt die Menschen. Sie war auch Thema der kommunalpolitischen Tagung des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising. „Wir beschäftigen uns mit den Rissen in der Gesellschaft“, erklärt Diözesangeschäftsführer Josef Preis. „Und auch die Kirche, die viele Flächen hat und Kulturträger ist, steht beim Tourismus in der Verantwortung.“
Doch wie soll der Tourismus der Zukunft aussehen? Darüber diskutierten Kommunalpolitiker und Pfarrgemeinderäte mit Experten. Die Einheimischen stellte Alfred Bauer, Dekan an der Fakultät Tourismus-Management der Hochschule Kempten und Vorsitzender des Bayerischen Zentrums für Tourismus, in den Fokus. Für das Allgäu hat er eine Studie zum Thema „Tourismus – Segen und/oder Fluch aus Sicht der Einheimischen“ erstellt. Die wichtigsten Ergebnisse: „Die Bevölkerung im Allgäu erkennt die Bedeutung des Tourismus an und steht ihm positiv gegenüber“, erklärt Bauer. Fast 88 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass das Allgäu den Tourismus brauche, weil viele Leute davon leben. „Auch der Beitrag des Tourismus zur Bewahrung der Kultur- und Freizeitangebote wird deutlich gesehen“, sagt Bauer. Es gab aber auch Kritik: „Baustellen sind zum Beispiel die Verkehrsbelastung und der teurer werdende Wohnraum“, berichtet Bauer. Eine mögliche Lösung: naturnaher Tourismus. Mehr „sanften, naturverträglichen“ Tourismus wünschten sich 91 Prozent der Befragten.
Ein Patentrezept, betonte Bauer, gebe es aber nicht. „In welche Richtung sich der Tourismus entwickeln soll, muss jede Kommune für sich selbst erarbeiten.“ Die Ergebnisse aus dem Allgäu seien nicht auf ganz Bayern übertragbar. „Dazu sind die Ausgangssituationen zu unterschiedlich“, erläutert Bauer. Denn während die einen über zu viele Urlauber klagen, haben die anderen noch Potenzial für weitere Touristen. „Wir haben in Bayern keinen flächendeckenden Übertourismus“, sagt Bauer. Natürlich gebe es Hotspots wie Schloss Neuschwanstein. „Aber andererseits gibt es auch Regionen, die sich mehr Touristen wünschen.“ Diese besser zu vermarkten, sei eine Möglichkeit, um den Tourismus zu lenken. Eines sei aber wichtig: „Die Einheimischen müssen stärker mit in die Diskussion einbezogen werden.“ Es gelte, den Raum so zu entwickeln, dass die Bedürfnisse von Gästen, Einheimischen und beispielsweise der Landwirtschaft in Einklang zu bringen sind.
In Oberstdorf (Kreis Oberallgäu) machten Naturschützer einen radikalen Vorschlag: 100 Euro Parkgebühr für Tagesausflügler, um die Verkehrsbelastung einzudämmen. Alfred Bauer ist skeptisch. „Das ist unrealistisch“, sagt er. „Wir müssen aber ein gesamtheitliches Mobilitätskonzept entwickeln mit einem besseren ÖPNV-Angebot für Touristen und Einheimische.“ Auch um das Problem des knappen Wohnraumes für die Einheimischen wurde auf der Tagung diskutiert: „Es gibt zum Beispiel Kommunen, die Zweitwohnungen zurückkaufen und sie Einheimischen zur Verfügung stellen“, berichtet Bauer.