Würzburg – „Hinter jedem Fund steckt eine Geschichte“, sagt Mario Schrader und wirft seinen Magneten ins Wasser. Er steht am Würzburger Ludwigskai. Mit dabei ist Walter Linder. Seit etwa eineinhalb Jahren teilen die zwei ein Hobby, das in Bayern kaum bekannt, aber schon jetzt umstritten ist: Magnetangeln. An diesem Tag mussten sie dafür früh aufstehen. Als sie am Mainufer ankommen, liegen noch leichte Nebelschwaden über dem Fluss.
Schrader befestigt einen silbern glänzenden, zwei Kilo schweren Magneten an einem etwa 20 Meter langen Kunststoffseil. Das andere Ende bindet der 22-Jährige an einer im Boden verankerten Metallstrebe fest. Dann nimmt er den Magneten in die Hand, holt aus und wirft ihn etwa fünf Meter Richtung Flussmitte. Die beiden suchen nach Schätzen und Schrott, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten auf dem Grund des Mains liegen.
Dann kommt der spannendste Moment: Mit langsamen Bewegungen zieht Schrader den Magneten aus dem Wasser. Beim ersten Wurf haben sie heute kein Glück: ein alter, verrosteter Haken. Als sie wenig später ein Verkehrsschild aus dem Wasser ziehen, werden die beiden von zwei neugierigen Rentnerinnen beobachtet. Immer wieder werden sie gefragt, ob sie denn mit dem Magneten Fische angeln.
Obwohl das Hobby noch recht unbekannt ist, ist das Magnetfischen in den vergangenen zwei Jahren immer populärer geworden – auch weil es günstig ist. Einen brauchbaren Magneten inklusive Seil gibt es schon für unter 40 Euro. Zwar gibt es keine Vereinsstrukturen, doch auf Facebook sind Gruppen mit mehreren tausend Mitgliedern entstanden, in denen die Hobbyangler Bilder teilen und über die richtige Ausrüstung diskutieren.
Eines der größten Infoportale im Internet ist die Seite www.magnetfischen.net. Das Interesse sei deutlich gestiegen, erzählt Lukas Maaß, der die Homepage seit 2016 betreibt. Die Seitenbesuche hätten sich in den vergangenen Jahren auf 55 000 verdoppelt.
„Man hofft immer darauf, etwas Altes und Wertvolles zu finden“, sagt Schrader, der in seinem Keller einen eigenen Schatz-Schrank hat. Die Liste von Dingen, die er aus dem Wasser gezogen hat, ist lang: ein Autoradio, ein Fahrrad, ein Bügeleisen, ein Einkaufswagen, Münzen und vieles mehr.
Doch nicht immer finden sie nur Nägel oder Kronkorken. Schon dreimal haben die Männer Sprenggranaten aus dem Wasser gezogen. Sie betonen, dass sie nicht gezielt danach suchen. Trotzdem spricht das Bayerische Landeskriminalamt eine explizite Warnung aus. Noch deutlicher wird der Sprengexperte Andreas Heil: „Kampfmittel sind gebaut, um zu töten – und das tun sie bis heute.“ Viele Brunnen, Teiche und Flüsse sind nie untersucht worden.
Durch den Magneten könnten etwa Granaten, die über die Jahre stark angerostet sind, bewegt werden und innerhalb kürzester Zeit detonieren, gerade wenn sich der Zünder löst oder der Sprengstoff mit Wasser in Verbindung kommt. Bei einer Explosion riskierten Magnetangler ihr Leben und das ihrer Mitmenschen. Eine Granate, wie sie Schrader und Linder aus dem Main gezogen haben, könne zur Erblindung führen und einem die Hände wegsprengen. Mit solchen drastischen Beispielen versucht Heil auf die Magnetangler-Szene einzuwirken. Ein weiterer Punkt seien die steigenden Kosten. Es habe in diesem Sommer Wochenenden gegeben, da mussten Heil und sein Team zu sieben Einsätzen ausrücken, an denen fünfmal ein Magnetangler beteiligt gewesen sei. „Das tut dem Steuerzahler richtig weh“, kritisiert Heil.
Einige Kommunen haben wegen der Granatenfunde Verbote ausgesprochen. Das Innenministerium bestätigt, dass Städte und Gemeinden Magnetfischen untersagen können. Wer das Hobby betreiben will, muss sich eine Genehmigung beim Landratsamt holen.