Der Kugelmacher von Garching

von Redaktion

Jürgen Höhn ist einer der letzten Glasbläser im Landkreis München. Normalerweise produziert er Glaspipetten oder Tropfenzähler für die Chemie und Physikindustrie. Doch zur Adventszeit verwandelt sich seine kleine Werkstatt in Garching in eine Weihnachtsfabrik.

VON FRANZISKA KONRAD

Garching – Im rot-schwarz karierten Holzfällerhemd sitzt Jürgen Höhn am Arbeitsplatz seiner Werkstatt. Er greift nach einem etwa 1,55 Meter langen Glasrohr, dann schaltet er den Gasbrenner ein. Eine hellblaue längliche Stichflamme lodert hervor, begleitet von einem leisen Rauschen. Mit beiden Händen beginnt der Glasbläser das Rohr über der Flamme zu drehen, um es von allen Seiten zu erhitzen. Nach wenigen Sekunden flackert die Flamme 2000 Grad heiß. Die Hitze macht das Glas weich, lässt es nach Belieben verbiegen und formen.

„Was man mit Glas alles anstellen kann, das ist echt der Wahnsinn“, sagt der 63-jährige Garchinger. Geschickt zieht er links und rechts am Rohr eine lange Spitze heraus. In der Mitte entsteht ein mandelförmiges Gebilde. Das erhitzt Höhn erneut, trennt es anschließend in zwei Teile: unten der spitze Stab, oben das eierförmige Konstrukt. „Jetzt sind die Rohlinge fertig“, sagt er zufrieden.

Die ersten elf Monate im Jahr arbeitet Höhn in seiner Werkstatt als Apparatebauer, produziert Reagenzgläser, Tropfenzähler und Pipetten für die Chemie- und Physikindustrie. Doch alle Jahre wieder in der Adventszeit verwandelt sich seine Werkstatt in eine kleine Weihnachtsfabrik. Dann entstehen Christbaumkugeln, kleine Herzerl und gläserne Schneemänner.

Ironischerweise ist der Glasbläser selbst alles andere als ein Weihnachtsfan. „Das ist mir viel zu erzwungen“, sagt er. Seine kleinen Kunstwerke hängt er sich dennoch gern daheim auf. „Schön sind die ja trotzdem. Und wenn meiner Frau eine Kugel besonders gefällt, kann ich die doch nicht hergeben“, grummelt er und grinst verschmitzt.

Währenddessen sind die Rohlinge abgekühlt. Erneut erhitzt Höhn das eierförmige Konstrukt, den Blick konzentriert auf die Flamme gerichtet. Als das Gebilde rotorange glüht, schaltet er den Brenner ab. Vorsichtig legt er seine Lippen an die dünne Spitze des Rohres – und bläst hinein. Das Glas plustert sich auf, langsam entsteht eine Kugel. Fachmännisch begutachtet Höhn sein Kunstwerk von allen Seiten. „Die ist gar nicht schlecht geworden“, murmelt er leise vor sich hin.

Auch von der Decke baumeln verschiedene Glaskugeln. Die Wand ist vollgehängt mit unterschiedlichsten Uhren. Rechts stehen Regale und Vitrinen mit Glasgegenständen, beides hat Höhn früher gesammelt. Pappkartons stapeln sich in der Ecke.

Seine Berufung liegt dem Garchinger quasi im Blut. „Schon mein Vater, meine Mutter, mein Opa und meine Oma arbeiteten als Glasbläser“, erzählt er. Auch Höhn faszinierte diese Kunst schon als kleinen Buben. „Wenn mein Vater mich früher ärgern wollte, sagte er immer, dass ich einmal kein Glasbläser werd’.“

Die Prophezeiung erfüllte sich nicht – seit mittlerweile 47 Jahren verdient Höhn sein Geld als Glasbläser. Er ist wohl einer der letzten im Kreis München, der Christbaumkugeln in Handarbeit herstellt – aus einfachem Grund. „Mittlerweile kann der Schmuck maschinell produziert werden“, erklärt er.

Höhn glaubt zwar nicht, dass sein Beruf vollständig ausstirbt, „aber es gibt immer weniger.“ Kunden, die bei ihm Christbaumschmuck bestellen und abholen, hat Höhn kaum noch, nur vereinzelte Liebhaber. Kugeln verkauft er für 3,50 Euro das Stück. Trotzdem verlassen jährlich immer noch 50 bis 70 Kugeln Höhns Werkstatt. Als Geschenke für seine Kunden.

Vor etwa dreißig Jahren war das alles anders. Höhn arbeitete viel auf Weihnachtsmärkten. „Ich habe vorgeführt, die Kugeln geblasen, meine Frau verkaufte währenddessen“, erzählt er. Zum Teil stritten sich die Kunden, wer die frisch geblasene Ware kaufen durfte. Bei der Erinnerung daran muss Höhn herzhaft lachen. „Da musste ich natürlich schlichten“ – er versprach dem Kontrahenten ebenfalls ein exklusives Stück. Dann schnappt sich Höhn ein neues Glasrohr. Bis Heiligabend gibt es noch viel zu tun.

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