Dorfen – Wir hören euch – jetzt hört mal auf uns: Mit diesem Motto im Hinterkopfentzündeten lärmgeplagte Anwohner am Donnerstagabend zwölf Mahnfeuer bei Dorfen. Weiter westlich, in Buch oder Pastetten, gab es weitere Flammenzeichen – rauchender Protest gegen 33 Kilometer Autobahn. Seit die Isentalautobahn Anfang Oktober eröffnet wurde, schwillt der Ärger über die Lärmbelästigung an. Zum größten Feuer bei Eck, wo früher ein Mahnmal gegen den Bau der A 94 stand, kamen 100 Leute. Anwohnerin Maria Numberger war eine von mehreren Anliegern, die das Wort ergriff. Das Anwesen der Familie steht 50 Meter Luftlinie von der Autobahn entfernt. „Wir brauchen Taten“, sagte die junge Mutter. Tempolimits, Lärmmessungen, Schallschutz – all das wird jetzt gewünscht.
Und es gibt erste Anzeichen, dass der Protest wirkt. Nach anfänglichem Zögern dämmert es der CSU, dass es vor der Kommunalwahl ratsam wäre, die Proteste ernst zu nehmen. „Ich habe mit dem Präsidenten der Autobahndirektion vereinbart, dass jetzt alles durchgemessen wird“, bestätigte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) unserer Zeitung diese Woche am Rande eines Termins in München. Damit kam er glatt dem Bayerischen Landtag zuvor, der eben erst per Beschluss ein Lärmgutachten gefordert hat.
Gesagt – getan: Die Autobahndirektion macht sich ans Werk. Die Jagd nach den verhassten Dezibel beginnt. Ein sogenannter Prüfplan sei bereits in Arbeit, wie Sprecher Josef Seebacher sagt. In ihm wird festgelegt, wo genau überall gemessen wird.
Schon sicher ist, dass die Höhen von 13,6 Kilometern Lärmschutzwänden und 8,3 Kilometer langen Erdwällen nun nachgemessen werden. „Wir wollen prüfen, ob die Ausführung mit den Angaben in der Planfeststellung übereinstimmen.“ Seebacher bestätigte zudem, dass es Lärmmessungen an einzelnen Anwesen geben werde. „Auch das ist ein Auftrag aus dem Ministerium.“
Außerdem werden Messfahrzeuge die kompletten 33 Kilometer Autobahn abfahren und die Fahrgeräusche untersuchen. Auf 20 der 33 Kilometer ist ein sogenannter Dünnschicht-Belag verbaut worden. Er ist im Schnitt ein Dezibel leiser als eine herkömmliche Asphaltfahrbahn. So die Theorie. Das Problem: In die Fahrbahn wurden im Abstand von einigen Metern Dehnungsfugen geschnitten und mit Fugenmasse verfüllt. Bei jedem Auto, das drüberfährt, gibt es Geräusche. Allerdings betont der Autobahn-Sprecher, dass die Fugenmasse mit der Zeit platt gefahren werde. Dann hört man angeblich nichts mehr. „Das sagen alle Fachleute.“ Ex-Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) zeigte sich als Rednerin beim Mahnfeuer in Dorfen skeptisch. Direkt neben einem Anti-CSU-Plakat („finde nicht richtig, dass man so ein Banner auffährt“) kritisierte sie die Bauweise. An vielen Autobahnen werde anders gebaut. Da stimme etwas nicht – „das muss man mir erklären“.
Bei all dem äußern Fachleute jedoch Zweifel, ob es wirklich großflächig Verstöße gegen die geltenden Lärmschutz-Werte entlang der A 94 gibt. Das Problem seien wohl eher die Grenzwerte an sich. Hinzu kämen neue Phänomene, die besonders störend sind. Der Trend zu lauten Breitreifen etwa. Auch hochmotorisierte Fahrzeuge und Motorräder können Anwohner regelrecht quälen.
Womöglich werde den Kommunen nichts anderes übrig bleiben, als Lärmschutz über das gesetzliche Maß hinaus zu fordern. Wie es gehen kann, machte gerade die Gemeinde Ismaning am Autobahnnordring vor: Dort wurde die A 99 auf vier Spuren je Richtung verbreitert. Die Gemeinde hat für nicht weniger als sechs Millionen Euro eine Lärmschutzwand gebaut – auf eigene Kosten. Dass sich das klamme Dorfen Ähnliches leisten kann, ist indes unwahrscheinlich.
Die Politik ist jedenfalls alarmiert: Am Mittwoch kommt Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU) in Dorfen vorbei.