Hilferuf aus einer Senioren-WG

von Redaktion

Eine Gruppe von Angehörigen, Ärzten und Krankenschwestern erhebt schwere Vorwürfe gegen einen ambulanten Pflegedienst im Raum Augsburg. In dessen Wohngemeinschaften sollen die Senioren schlecht betreut und falsch versorgt worden sein. Ein Bewohner saß sogar tot am Tisch – ohne dass es auffiel.

VON KATRIN WOITSCH

Biberbach – Jürgen Hartmann (Name geändert) dachte, er hätte für seine Schwiegermutter eine gute Pflege organisiert. Von Senioren-Wohngemeinschaften hatte er nur Gutes gehört. Als in Biberbach im Kreis Augsburg der ambulante Pflegedienst „Sonnenschein“ eine solche WG eröffnete, mietete er ihr dort ein Zimmer. Seitdem ist ein gutes halbes Jahr vergangen. Heute spricht Hartmann nur noch von dem „Haus des Grauens“, wenn er berichtet, was seine Schwiegermutter dort erlebt hat.

Hartmann hat sich mit Ärzten, Krankenschwestern und Pflegekräften zusammengetan, die Zugang zu der Einrichtung hatten oder dort gearbeitet haben. Auch zwei Gemeinderäte haben sich angeschlossen. Gemeinsam haben sie alle Missstände zu Papier gebracht. Es sind fünf Seiten geworden. „Und ich bin überzeugt, dass das, was wir bis jetzt wissen, nur die Spitze des Eisberges ist“, sagt Hartmann.

Die Vorwürfe sind gravierend. Neben schweren baulichen Mängeln (keine barrierefreien Zugänge, keine Absturzsicherungen) prangern die Verfasser des Schreibens vor allem die pflegerische und medizinische Versorgung an. Für die zwölf Bewohner sei immer nur eine Pflegekraft vor Ort, oftmals handle es sich um ungelernte Kräfte, die aber auch Medikamente geben, Insulin spritzen oder Wundverbände anlegen – und das oft mit schwerwiegenden Folgen für die Patienten, wie die Hausärzte berichten. Auch bei der Versorgung gebe es unfassbare Missstände, berichtet Hartmann. So habe es für alle Bewohner eines Stockwerks nur eine Zahnbürste gegeben. Als seine Schwiegermutter einmal nicht frühstücken konnte, weil sie ihr Gebiss nicht fand, kam heraus, dass es einem anderen Bewohner eingesetzt worden war. Im Sommer habe es wochenlang nur zuckerhaltige Getränke für die Bewohner gegeben – auch für die Diabetiker.

Der schwerste Vorfall soll sich in der Senioren-WG in Langenreichen ereignet haben. Dort saß ein Bewohner in der Küche tot in seinem Rollstuhl am Tisch, während die anderen Senioren aßen. Erst der Hausarzt bemerkte das, die Pflegekraft sei völlig überfordert gewesen.

Der Pflegedienst „Sonnenschein“ betreibt sechs Wohngemeinschaften im Raum Augsburg. Zu den Vorwürfen wollte er sich gestern gegenüber unserer Zeitung nicht äußern. Hartmann hat die Vorwürfe bewusst öffentlich gemacht. Er will, dass gegen den Pflegedienst ermittelt wird. Und er fordert eine Gesetzesänderung. Denn weil es sich bei den Senioren-WGs nicht um Heime handelt, gibt es dort auch keine Kontrollen der Heimaufsicht. Wie nötig ein Kontrollsystem sei, würden die Fälle im Raum Augsburg jedoch beweisen.

Der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek war sprachlos, als er von den Vorwürfen hörte. Die Angehörigen müssten in solchen Wohngemeinschaften die Kontrollinstanzen sein, sagt er. „Sie müssen täglich vor Ort sein.“ Warum auch Ärzte oder Pflegekräfte so lange nicht eingegriffen haben, kann sich Fussek nicht erklären. Gerade bei den Angehörigen stehe aber wohl oft Angst dahinter.

Auch Jürgen Hartmann berichtet, dass seine Schwiegermutter nach seiner ersten Beschwerde noch mehr gelitten habe. „Sie wurde noch empathieloser und unwürdiger behandelt.“ Im August hat er für sie einen Heimplatz gefunden. „Sie ist regelrecht aufgeblüht, seit sie nicht mehr in der WG lebt“, erzählt er. Erst danach hatte er den Mut, alle Vorwürfe öffentlich zu machen, hat Kommunalpolitiker und Ärzte angesprochen – und nach und nach von immer mehr Missständen erfahren.

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