Schlittenbauer mit Tradition

von Redaktion

Aus Liebe zum Handwerk und um seine Familientradition fortzuführen, scheut Josef Stocker weder Mühe noch Zeit. Er baut in seiner kleinen Werkstatt Schlitten nach jahrhundertealten Vorgaben. Seine Handwerkskunst ist eine Rarität, jeder Rodel ein Unikat.

VON FELICITAS BOGNER

Marktschellenberg – 200 Jahre Wissen über den perfekten Rodelbau schlummern in einer kleinen Schreinerwerkstatt über Marktschellenberg, hoch oben in den Berchtesgadener Bergen. Es riecht nach Holz. Zwischen Spänen, Stemmeisen und Sägen werkelt Josef Stocker. Ein drahtiger, rothaariger Mann mittleren Alters in staubiger Latzhose und Holzfällerhemd. Wie alt er ist, möchte er nicht verraten. „Datenschutz“, scherzt er, während er vor seiner Werkbank steht. Auf ihr liegt ein großer Holzspalt, über den er, unermüdlich mehr sanft als grob, mit einem Hobel fährt. Nach jedem Schliff schält sich eine hauchdünne Schicht ab und fällt zu Boden. Er prüft das Ergebnis präzise, bevor er erneut ansetzt. „So bekommt man die richtige Stärke für die Schlitten-Füße, der Spalt war etwas zu dick“, erklärt der ansonsten recht wortkarge Mann. Man hat das Gefühl, er lasse lieber seine Umgebung für sich sprechen. Von alten Zeiten, seinen Vorfahren und einer Handwerkstradition, die er in unsere moderne Welt der Technik noch rudimentär herübergerettet hat.

Dass schon seine Großväter in diesem Raum mit den gleichen Utensilien gearbeitet haben, ist nicht verwunderlich. An den Wänden zwischen den winzigen, vom Holzstaub fast blinden Fenstern hängt das von den Jahren gekennzeichnete Werkzeug, zum Einsatz parat.

Josef Stocker ist in der fünften Generation traditioneller Schlittenbauer, einer der letzten seiner Zunft. Nur die Männer seiner Familie haben diesen Beruf ausgeübt. Neben der Landwirtschaft. Die Schlitten seiner Vorfahren waren für den Transport von Heu bestimmt. Josef Stocker baut sie mittlerweile nur noch auf Bestellung für Freizeitzwecke. Ob Frühjahr oder Herbst, er werkelt und tüftelt zu jeder Jahreszeit an den Rodeln. Freilich liebt er nicht nur den Bau der Schlitten, sondern auch das Rodelfahren. „Die beste Zeit ist früh am Morgen, wenn der Schnee noch hart ist.“

Trotz aller Originalität ist sein Handwerk jedoch nicht mehr rentabel. „Der Beruf ist eigentlich bereits ausgestorben“, sagt er und setzt sich auf eine Bank vor dem idyllische Bauernhaus, in dem er mit seiner Mutter Walburga lebt. Maschinen produzieren mehr Schlitten in kürzerer Zeit. Außerdem würden die meisten Leute nicht viel Geld dafür ausgeben wollen. Seine handgefertigten Exemplare sind teuer. Preise will er aber nicht nennen. „Jeder Schlitten ist ein Einzelstück und hat seinen eigenen Preis.“ Alles sei von Größe und Arbeitsaufwand abhängig. Nur ab und an lege noch jemand auf seine Bauweise wert – meist Leute aus der Umgebung, die von der Familientradition wissen und diese schätzen. Doch unabhängig vom Profit macht Stocker weiter. „Ich bin da hereingeboren, habe das im Blut und bin der Letzte, der das Handwerk noch ausführt.“ Außerdem sei es ein grandioses Gefühl, nach wochenlanger Arbeit den Schlitten in Händen zu halten.

Sein gesamtes Baumaterial stammt aus den umliegenden Bergwäldern. Bis er für die Kufen ein Holz mit der passenden und natürlich gewachsenen Biegung gefunden hat, sucht er manchmal tagelang im Wald. Auf schwindelerregenden Steilhängen riskiert er gelegentlich sein Leben, nur um an krumm gewachsene Hölzer zu kommen. Die Bäume bekommen die Biegung durch die Schneelast, die viele Winter lang auf die Stämme drückt. Fällen kann er sie nur im Oktober und November. Im Winter ist der Schnee zu tief, im Sommer die Gehölze voll Wasser und damit zu schwer. „Beim Fällen am Steilhang darf man keinen Fehler machen. Jeder Schritt muss durchdacht sein“, sagt Stocker.

Zurück in der Werkstatt folgen dutzende weitere Schritte. „Man braucht viel Geduld.“ Schließlich kann er bei Beginn seiner Arbeiten nie abschätzen, wie lange er bis zur Fertigstellung brauchen wird. Mal findet er nach einem Tag das passende Holz, ein anderes Mal braucht er eine Woche dafür. Das eine Holz bricht bei der Verarbeitung, das andere ist stabil genug.

Das Gefühl sei das A und O, um für den Rodel das richtige Maß zwischen Stabilität und Leichtigkeit zu finden. Beides – Geduld und Gefühl – hat er in sich entwickelt, weil er von klein auf dem Vater beim Schlittenbau zugesehen und mitgeholfen hat.

Das Handwerk ist längst überholt, Stockers Passion aber geblieben und seine Handschrift dabei unverkennbar: „Alle Schlitten meiner Familie wurden nach der gleichen Weise gebaut, trotzdem erkennt man im Design kleine Verschiedenheiten zwischen den Generationen.“ Irgendwann wird niemand mehr die feinen Unterschieden in der Kunst des Schlittenbaus deuten können. Stocker hat keine Kinder, mit ihm wird eines Tages die Familientradition enden. „Ich finde es zwar sehr schade, aber wenn kein Bedarf mehr besteht, dann muss man das akzeptieren“, sagt er und schaut leicht wehmütig auf seine Schlitten.

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