Warum wir weiße Weihnachten lieben

von Redaktion

Schnee an Weihnachten? Damit könnte es auch heuer schwierig werden. Ohnehin ist die weiße Weihnacht in weiten Teilen Bayerns die Ausnahme. Ein Psychologe erklärt, warum wir das gerne verdrängen.

VON DOMINIK GÖTTLER

München – Eigentlich sollten am Brauneck an diesem Wochenende bereits die ersten Skifahrer ihre Schwünge ins Tal ziehen. Doch der Föhn hat den Skiliftbetreibern den Saisonstart verblasen. Statt frischen Pulverschnees herrschten am Alpenrand zuletzt frühlingshafte Temperaturen – und das, obwohl an diesem Sonntag kalendarisch der Winter beginnt. Mit Blick auf Heiligabend sieht die Vorhersage nicht viel besser aus. Zwar soll die Schneefallgrenze laut Deutschem Wetterdienst am Dienstag auf 900 bis 700 Meter sinken. Doch das heißt auch: In weiten Teilen Bayerns wird laut den Meteorologen statt Schnee vor allem Regen vom Himmel fallen.

Schlechte Chancen also für weiße Weihnachten. Nur: Ausnahme ist das keine, wie der Blick auf Münchens Wetterdaten zeigt. Denn auch wenn in der Landeshauptstadt die Wahrscheinlichkeit für Schnee so hoch ist wie in keiner anderen deutschen Großstadt, ist auch hier die grüne Weihnacht die Regel. Zuletzt lag im Jahr 2003 über alle drei Weihnachtsfeiertage Schnee in München – so definieren die Meteorologen weiße Weihnachten. 2005 war zumindest an Heiligabend ein bisschen Weiß zu sehen. Seit dem Jahr 1930 hat der Deutsche Wetterdienst in München erst 23 Mal weiße Weihnachten dokumentiert.

Und trotzdem haben viele ein weiß gepudertes Winterwunderland mit Schlittenfahrt und Schneeballschlacht im Kopf, wenn sie an Weihnachten denken. „Wir konstruieren uns diese Welt“, sagt Engelbert Fuchtmann, Professor für Psychologie an der Hochschule München. Der Mensch erinnere sich eben lieber an außergewöhnliche Ereignisse als an eine Weihnacht mit Schmuddelwetter. Zudem seien Erinnerungen aus der Kindheit oft stärker als aus der jüngeren Vergangenheit. „Es gibt sogenannte Ankererinnerungen an bestimmte Ereignisse. Die sind häufig aber nicht exakt, sondern man spinnt sich dann Bilder zusammen, die vielleicht gar nicht aus der eigenen Erfahrung stammen“, erklärt der Psychologe.

Hier kommt der Einfluss von außen ins Spiel. Egal ob im Film (Drei Haselnüsse für Aschenbrödel), in der Musik („White Christmas“, „Leise rieselt der Schnee“) oder auf nahezu jeder Postkarte – überall wird Weihnachten mit einer dicken Schneeschicht präsentiert. „Unser Gedächtnis suggeriert, dass das zusammengehört“, sagt Fuchtmann, „auch wenn die Realität ganz anders aussieht.“

Besonders gut lässt sich das am Beispiel der Postkarten erkennen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war auf den Weihnachtskarten häufig noch kein Schnee abgebildet. Forscher haben herausgefunden, dass der Trend zur weißen Winterlandschaft danach wohl von Reisenden stammt, die Grüße aus dem verschneiten Neuengland in den USA oder aus den Schweizer Alpen verschickten. „Jetzt gehört der Klischee-Weihnachtsmann auf dem Schlitten im Schnee zu unserer Vorstellung von einer romantischen Weihnacht“, sagt Fuchtmann.

Dass die Menschen sich den Mythos der weißen Weihnacht aufrechterhalten, sieht der Psychologe aber nicht als Problem. „Wir sind eben Menschen der Erinnerung. Und natürlich sehnen wir uns hin und wieder in die heile Welt unserer Kindheit zurück.“ Ein bisschen Reflexion, ein Zurückdenken an den Ursprung könne ja nicht schaden. Ganz egal, ob dabei nun Schnee liegt oder nicht.

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