Hans-Jürgen Buchner ist Haindling. Er sitzt bei sich zu Hause in dem Geiselhöringer Ortsteil in einer ehemaligen Gaststube, die so etwas wie das Büro von Buchner und seiner Frau Ulrike Böglmüller ist. Normalerweise herrscht Ruhe in dem niederbayerischen Weiler. Heute könnte das anders sein, denn der bayerische Komponist und Musiker wird 75 Jahre alt.
Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Ihren Geburtstag denken?
Da fällt mir ein, dass ich ein kleines Fest veranstalten muss. Und das mag ich normalerweise überhaupt nicht. Aber meine Musiker meinten, das ist unbedingt notwendig.
Ist der 75. Geburtstag für Sie etwas Besonderes?
Für mich ist das so, dass ich mir als Jugendlicher niemals vorstellen konnte, überhaupt so alt zu werden. Ein 75-Jähriger war damals für mich ein uralter Greis. Jetzt bin ich froh, dass ich es erleben darf, weil es mir wahnsinnig gut geht und ich ein sehr zufriedenes Leben führe. Denn ich habe alles, was ich brauche.
Arbeiten Sie gerade an einem neuen Projekt?
Ich arbeite immer an Irgendetwas. Zuletzt habe ich die Musik für einen Stummfilm von 1920 gemacht. Es war der erste Film der Bavaria in München, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feierte. Er trägt den Titel „Der Ochsenkrieg“. Das war eine außergewöhnliche Arbeit, weil ich noch nie einen Stummfilm vertont habe. Das sind fast eineinhalb Stunden durchgehende Musik. Die Musik ist auch wunderbar ohne den Film zu hören. Das ist regelrecht ein Trip, weil sich so viele emotionale Stimmungen widerspiegeln. Ansonsten würde ich gerne wieder mal ein neues Studioalbum rausbringen. Aber das plane ich ja schon seit zehn Jahren.
Wie lange haben Sie an der Musik für den Ochsenkrieg gearbeitet?
Die ersten Ideen entwickelte ich schon vor einem Jahr, im Juli war dann Abgabetermin. An der Titelmelodie habe ich ziemlich lange herumgetüftelt, bis ich endlich zufrieden war.
Wie arbeiten Sie für gewöhnlich?
Ich setze mich einfach an den Flügel und spiele, lasse mich treiben. Das mache ich übrigens jeden Tag, nicht lange, oft nur eine Viertelstunde. Die Melodien nehme ich dann mit einem Tonband auf, meist sind sie aber nicht fertig. Viele der Skizzen habe ich noch nicht verarbeitet und werde es wahrscheinlich auch nie machen. Mir ist das aber egal. Hauptsache, ich habe Spaß dabei!
Und Ihnen fällt da jedes Mal etwas ein?
Ja, immer.
Haben Sie ein eigenes Lieblingsstück?
Eigentlich höre ich ja meine Sachen nicht an. Aber kürzlich habe ich mein Album „Weiß“ mal im Auto wiedergehört und mir dabei gedacht: „Wahnsinn, das klingt ja sehr gut!“ Da bin ich sogar ein bisschen stolz drauf, dass mir da sogar so etwas Jazziges überhaupt gelungen ist. Das freut mich echt. Ich wundere mich, was ich musikalisch alles in meinem Leben geschafft habe.
Ist Ihnen eine spezielle Anekdote aus den letzten fast 40 Jahren Musik in Erinnerung?
Eine Anekdote fällt mir nicht ein. Aber es ist immer lustig, wenn die Filmregisseure zu mir raus nach Haindling kommen. Dann schauen wir uns den Rohschnitt des Films an und ich sage dann: „Pass auf, da fällt mir gleich etwas ein.“ Ich renne zum Flügel, spiele etwas vor. Der Regisseur meint: „Wunderbar, gefällt mir.“ Dann sind wir sozusagen auch schon durch. Denn wenn er sein Einverständnis gegeben hat, braucht man das nur mehr aufnehmen.
Wie würden Sie Ihr Leben aus heutiger Sicht beurteilen?
Es ist immer gut gelaufen. Ich bin oft glücklich und habe auch viel Glück gehabt. Das kann ich gar nicht aufzählen, so oft habe ich Glück gehabt.
Nennen Sie doch einige Beispiele.
Na, dass ich mit 21 Jahren der jüngste Keramikmeister in Bayern geworden bin, dass meine Werkstätte gleich so gut gelaufen ist. Und dann hatte ich Glück mit meinen Frauen und das Glück, dass ich immer schon Musik machen wollte und das Glück, dass ich mit 38 noch mal völlig neu eine Musikkarriere beginnen durfte. Glück war es auch, dass ich mit dem Regisseur Franz Xaver Bogner zusammengetroffen bin. Denn Serien wie „Irgendwie und Sowieso“ oder „Zur Freiheit“, zu denen ich die Musik machen durfte, haben nicht nur ihn, sondern auch mich bekannt gemacht. Ich musste mich nie um irgendeine Filmmusik kümmern, die Projekte sind mir alle zugeflogen.
Was ist also für Sie Erfolg?
Erfolg ist, wenn man anerkannt ist. Und jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Anerkennung. Das ist per se nichts Schlechtes, denn das treibt einen ja auch an und bringt neue Ideen hervor. Ohne die Sehnsucht nach Anerkennung würde der Mensch vielleicht noch wie in der Steinzeit leben, was aber vielleicht auch nicht schlecht wäre.
Was ist für Sie Heimat?
Klar ist, dass Heimat da ist, wo man sich wohlfühlt. Wenn ich auf dem Mond wäre und auf die Erde schauen würde, wäre meine Heimat die Erde. Wenn ich in Indien bin, würde ich denen sagen: „Ich bin aus Bayern.“ Bin ich beispielsweise in Bad Gastein, sage ich, dass ich aus Niederbayern, aus der Nähe von Straubing, komme. Heimat ist für mich also auch eine Frage der Perspektive. Und ja, bevor ich es vergesse: Heimat fühle ich auch in der bayerischen Sprache.
Was halten Sie von der Bewegung Fridays for Future?
Na ja, sagen wir es so: Dass Söder und die CSU heute so grüne Ideen vertreten, hängt ganz sicher damit zusammen.
Sie sind ja selbst ökologisch seit Jahrzehnten engagiert und ernähren sich auch ziemlich bewusst. Essen Sie eigentlich noch Fleisch?
Ja, schon. Am liebsten Geflügel, aber eigentlich alles. Allerdings nicht viel. Ich bewundere aber die Veganer. Denn es ist klar: Es würde der Welt guttun, wenn es mehr Veganer gäbe. Und keiner braucht denen sagen: Die armen Veganer dürfen nicht mal eine Weißwurst essen. Die wollen das doch überhaupt nicht! Meine Nichte lebt beispielsweise vegan. Die hat uns Plätzchen gebracht mit Sesam drauf. Wunderbar haben die geschmeckt.
Noch einmal zurück zum Thema Musik. Was hören Sie privat?
Ich mag es gerne auch mal experimentell. Und da gibt es echt gute Sachen. Zum Beispiel recht gute junge Leute aus Schottland.
Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?
Aus dem Leben auf dem Dorf. Und weil es mir im Leben eben sehr gut gegangen ist. Keine Generation vor uns konnte so lange ohne Krieg leben. Und natürlich aus der Musik. Da freue ich mich auch schon, nächstes Jahr wieder auf Konzerttournee zu gehen. Denn Musik ist mein Leben. Das wird auch in Zukunft so sein.
Interview: Monika Mendat
Haindling-Tournee:
Start am 23. Mai Landshut – Sparkassenarena; danach unter anderem folgende Auftritte: 29. Mai Rottendorf – Gut Wöllried; 6.Juni Straubing – Fraunhofer Halle; 26.Juni Allach – FFW Zeltfest; 5.Juli Garmisch-Partenkirchen – Kurpark; 10. Juli München – Tollwood; 24. Juli Germering – Stadthalle; 5.August Burghausen – Burghauser Sommer.